»Vielleicht hast du einen neuen Frankenholz kreiert!«

Nummer 5 lebt! (Short Circuit, USA 1986, John Badham) (DVD)

Schade, dass der Film in der deutschen Fassung einen anderen Titel bekommen hat – die grundsätzliche Problematik, dass aus einem elektrischen Unfall Leben hervor geht, geht in der Umtitelung zumindest verloren. „Nummer 5 lebt“ bereichert das Roboter-Thema um zwei wesentliche Motive:

Der erste ist der schon erwähnte Unfall, wie so oft ist es ein Blitzschlag, der Totes lebendig macht und einer der Wissenschaftler spielt in seiner Aussage (hier im Titel zitiert) ja auch dadrauf an. Das neu entstandene Leben resultiert also aus einer Spannungsspitze, einer Überladung, einem Kurzschluss – wie in „Electric Dreams“ – und es hat die selben Konsequenzen: „Die Module spiel’n verrückt„! Roboter Nr. 5 lernt zu begehren, verliebt sich in seine Finderin Stephanie, macht schlüpfrige Anspielungen auf Basis der ihm einprogrammierten Robotersprache („attraktive Software!“). Zuerst muss er sich jedoch selbst erkennen und dazu gehört nach Lacan ein Durchgang durchs Spiegelstadium. Der findet statt, als der Roboter anhand eines Monitors bemerkt, dass er einen Sensor mit sich herum trägt, mit dem ihn seine Verfolger orten können. Er entfernt den Sensor aus seinen Eingeweiden, wirft ihn fort und rauscht jubilierend mit dem Auto ab. (Ganz zum Schluss wird er sein Selbstbewusstsein damit besiegeln, dass er sich – wie „Edgar“ in „Electric Dreams“ – selbst einen Namen gibt.)

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Nach der Spiegelphase folgt konsequenterweise der Übergang von der imaginären in die symbolische Sphäre und der Roboter lernt die Sprache zu nutzen. Gerade dieses Moment wird vom Film als besonderer Ausweis für Leben diskutiert und von allen Protagonisten thematisiert: „Er hat gesprochen wie ein richtiger Mensch“, stellt einer seiner Erbauer fest und Stephanie entgegnet auf seine Bemerkung mit der „attraktiven Software“: „Ich muss schon sagen, dass er sehr gut spricht für einen Viertägigen.“ Wäre also nicht sein Aussehen, dass ihn am deutlichsten von seinen menschlichen Antagonisten unterscheidet, er würde den Turing-Test mit Auszeichnung bestehen.

Die Physiognomie des Roboters erinnert an die KISMETs – seine Gesichtszüge, vor allem die Lid-Klappen scheinen darauf hin ausgelegt zu sein, menschliche Mimik und damit Emotionen zu simulieren. Dass er „der absolute Soldat“ ist, als den die Militärs ihn vorstellen, muss dieser Tatsache gar nicht widersprechen, denn im Zeitalter der Simulation ist informationelle Täuschung die erste Kriegstaktik. Leider aber hat Nummer Fünf diese Fehlfunktion, die ihn quasi-moralische Feststellungen machen lässt. Schnell lernt er den Unterschied zwischen lebending und tot und kann sich damit selbst als „alive“ definieren.

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Er entwickelt eine Moral, die auf Basis dieser Dualität von tot/lebendig sämtliche Fakten seiner Umwelt neu gruppiert und stellt sich so in Konkurrenz zum Militär und einer militärische Logik, die das factum brutum gerade zu vertuschen versucht: Es setzt ihre Kriegsroboter bei der Präsentation dazu ein, Gin-Tonic-Cocktails (mit einem Spritzer Zitrone) zu mixen, um seine Zuschauer (und Finanziers?) von der Qualität der Technologie zu überzeugen. Dass Nummer Fünf dies enttarnt, indem er ihren euphemistischen Sprachgebrauch („disassemble“) mittels Thesaurus („zerstören, eleminieren, töten, …“) rückübersetzt, macht ihn ja gerade so gefährlich. Zwar ist er nur simuliertes Leben, aber dadurch, dass er selbst nicht akzeptiert, dass er nur simuliert ist, ist er für das Militär damit genauso gefährlich wie jeder andere Pazifist auch.

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Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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