»Umlegen ist die Parole.«

Shocking! (F 1976, Claude Mulot) (VHS)

Die Welt steht am Rande des atomaren Abgrunds, weil sich die Regierenden der USA und UdSSR nicht einigen können, welche Nation die besseren Pornos produziert. Nach einem Telefonat der beiden Oberhäupter löst der „Ivan“, wie er freundlich im Film genannt wird, den Dritten Weltkrieg aus – vorerst noch mit konventionellen Waffen.

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Drei recht unterschiedliche französische Paare planen das Wochenende – vielleicht das letzte, das sie erleben werden – zusammen in einer Villa zu verbringen. Während draußen Kampfverbände näher rücken und die Einschläge der Bomben und Granaten lauter werden, entspannt sich drinnen ein Geflecht aus Intrigen, Lügen, Grausamkeiten und Sex. Der Gastgeber, ein erzkonservativer Nachrichten-Mann, der von sich behauptet, die von ihm stets gepredigte Enthaltsamkeit hätte den Krieg verhindern können, wird von seiner Freundin – eigentlich eine bezahlte Prostituierte – vor seinen Gästen mit Schmalfilm-Aufnahmen kompromittiert, die ihn bei seinen sexuellen Ausschweifungen zeigen. Ein Industrieller nutzt die Vorführung, um sich zuerst am Kindermädchen, dann an seiner Sekräterin zu vergehen. Der Sohn des Hauses, der zu dem Kindermädchen ein masturbatorisches Verhältnis unterhält, entpuppt sich als Transvestit und zuletzt, als sich alle in ihren libidinösen Zwängen offenbart haben, kommt es zur Orgie.

Zwischendrin sehen wir immer wieder Fragmente der Rahmenhandlung, die erklären, wie der Krieg eskaliert, wie sich die beiden Staatschefs in immer absurdere Streitigkeiten verfangen. Und schließlich, als sich beide Männer willige Frauen in ihre Kommandozentralen bringen lassen (der US-Präsident telefoniert seine Lieblingsschauspielerin Linda herbei, deren Film „mit der Klitoris im Hals“ dem Russen so ganz und gar nicht gefallen wollte), kommt es zum Äußersten: In orgiastischer Verzückung drückt der Sovjet den Roten Knopf und Linda, als ihr nach dem Sex langweilig ist, spielt ebenfalls an der amerikanischen Atomraketen-Startapparatur herum – mit fatalen Folgen: Am Ende sehen wir, wie sich die Orgien-Gesellschaft in der Hitze des Atompilzes auflöst.

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Natürlich könnte man „Shocking!“ als Pornokomödie mit abstrusem politisch-ideologischem Hintergrund sehen; die Sequenzen mit den beiden Regierungsoberhäuptern legen dies nahe: Die seltsamen Streitthemen werden von lächerlichem Akzent, alberner Musik und einer angedeuteten Trunksucht (wobei der Russe Whiskey, der Ami Wodka trinkt) begleitet. Selbst die zahlreichen einmontierten Kriegsbilder (Filmausschnitte aus der Vietnam-Kriegsberichterstattung!) ändern daran zunächst nichts, weil sie kontrapunktisch von einer etwas übermotivierten Nachrichten-Sprecherin kommentiert werden. Der Ton schlägt jedoch jäh um, wenn sich die Handlung wieder auf die Wochenend-Gesellschaft konzentriert. Die Konflikte wirken echt, der Soundtrack wechselt zu mysteriöser Orgelmusik mit düsterem Choral, die Kamera wird agil, die Körper winden sich. Hier scheint der Film eine allegorische Potenz zu offenbaren, die sich dann wieder auf die Rahmenhandlung überträgt und aus dieser motiviert. Der Kalte Krieg als heißes Intrigenspiel.

„Shocking!“ ist bislang die überzeugendste Porno-Variante vom Weltuntergang, die ich gesehen habe. Trotzdem sich vieles nur „um das Eine“ dreht, bekommt der Film gerade durch seine formalästhetischen Elemente eine ganz besondere Dynamik. Es ist sicherlich auch dem recht frühen Produktionsjahr 1976 zu verdanken, dass hier noch viel Wert auf die Figurenentwicklung und den Plot gelegt wurde und sich die Hardcore-Szenen im Zeitvergleich mit dem „Dazwischen“ deutlich geringer ausnehmen. Als Randnotiz ließe sich noch die vielseitige Verwendung des Telefons im Film bemerken – es dient dem „Konfliktaufbau“ zwischen den beiden Präsidenten (und ist dann natürlich rot), es dient zur Masturbation und zur erotischen Konversation. Nur wirklich miteinander reden kann man damit in „Shocking!“ nicht.

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Die recht ausführliche „Film im Film“-Sequenz, in der das geheime Filmmaterial über den Nachrichten-Mann vorgeführt ist, zeigt zudem einige sehr schöne Inszenierungstricks, die immer wieder und immer schneller zwischen dem Apparat (ein 8-mm-Projektor), der Projektionsleinwand und den Körper der Zuschauer wechselt, um den Übersprung des Affektes von der Maschine über das Bild zum Körper zu zeigen. Die Parallel-Montage am Schluss, in der sich die Orgien-Gesellschaft stroboskopartig mit dem Bild des wachsenden Atompilzes überlagtert, liefert hierzu das Gegenbild: Wo der „Film im Film“ orgiastischer Initialzünder war, verbrennt die Atombombe am Ende alle Lust.

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Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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