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Januar, 2009:

Herzlichen Glückwunsch!

Heute vor 25 Jahren hat die Firma Apple ihren ersten Macintosh auf den Markt gebracht und damit die Tyrannei des “Big Brother” zumindest ins Wanken gebracht – bis heute.

Objects in the Mirror …

Michel Foucaults Analyse der “Las Meninas” von Velázquez, die er als erstes Kapitel in “Die Ordnung der Dinge” veröffentlicht, ist vor allem ein Fehler immer wieder vorgeworfen worden: Dass jenes Bild an der Rückseite des Raumes, welches das (Königs)Paar darstellt, kein Spiegel sein kann, wie Foucault behauptet. Mit der Identifikation des Bildes als Spiegel steht und fällt Foucaults gesamte Analyse, weil der Spiegel es ist, der letztlich erst die Identifikation zwischen dem Bildbetrachter (außerhalb des Bildraums), dem Point of View (innerhalb des Bildraums) sowie der symbolischen Identifikation zwischen Bildbetrachter und Königspaar, erst ermöglicht.

Es könne kein Spiegel sein, weil nach den Gesetzen der Perspektivität die Reflexion darauf nicht diese (großen) Ausmaße haben kann. Wenn das Paar, das sich darin spiegelt, an der Stelle des Bildbetrachters stünde, dann müsste die Reflexion wesentlich kleiner sein und der Spiegel müsste wesentlich mehr Details des Raums dazwischen zeigen.

Nach den Bildungsgesetzen der Perspektive von Alberti über da Vinci bis Dürer, wäre diese Kritik richtig. Doch wie Erwin Panofsky in seinerm dispositivanalytischen Aufsatz “Die Perspektive als ‘symbolische Form’” (1925) bemerkt, sind die Gesetze der Perspektivität keineswegs Naturgesetze, sondern Ausdruck einer Geisteshaltung. Nach Panofskys physiologischer Theorie der Perspektive gibt es keine geraden Fluchtlinien. Das Gesichtsfeld, der runde Augenhintergrund (und man könnte ergänzen: die gebogene Raumzeit) machen Geraden und damit Fluchtlinien unmöglich (oder zumindest zu einer äußerst subjektiven Frage des Standpunktes).

Was also, wenn “Las Meninas” gar nicht nach den Gesetzen der Perspektivität entworfen wurde? Oder viel simpler: Was, wenn der Spiegel im Raumhintergrund nicht plan, sondern konkav gewölbt* ist? -  und damit Ausdruck einer möglichen Kritik am Perspektivismus oder sogar ein Backlash zur oder Zitat der mittelalterlichen Bedeutungsperspektive** (nach der nicht die Fluchtlinie, sondern die reale oder symbolische Bedeutung des Bildgegenstandes seine Größe determiniert)?

* Foucault insinuiert solch eine Deutung bereits: “In der holländischen Malerei war es Tradition, daß die Spiegel eine reduplizierende Rolle spielten, aber in einem irrealen, modifizierten, verkürzten und gekrümmten Raum.” (S. 35f., Hervorh. durch mich)

** “Andererseits sind die Linien, die die Tiefe des Bildes durchqueren, unvollständig; es fehlt allen ein Teil ihrer Bahn. Diese Lücke verdankt sich der Abwesenheit des Königs, die wiederum ein Kunstgriff des Malers ist.” (S. 44f.)

Frühling, Sommer, Herbst und Winter

Breath (Soom, Süd Korea 2008, Kim Ki-duk) (DVD)

Eine Variation zum bekannten Thema: Die Konfligierung von buddhistischer Tradition und modernem Selbstverständnis. Dieses Mal verlegt Kim es in ein Gefängnis. Dort sitzt ein junger Mann in der Todeszelle, der seine gesamte Familie ermordet hat. Zusammen mit drei anderen Delinquenten wartet er auf seine Hinrichtung. Ob nun aus dem Willen zur Autonomie über das eigene Ende oder aus Reue vor der Tat: Er versucht sich mehrfach selbst zu töten; ein Akt von dem jedes Mal die Medien berichten. Auf diese Weise erfährt auch eine verheiratete Bildhauerin davon und entschließt sich, den Mann im Gefängnis zu besuchen. Dabei gestaltet sie das Besuchszimmer jedes mal nach einer Jahreszeit, erzählt dem schweigenden Gefangenen von sich, singt ihm etwas vor und beginnt eine zärtliche Annäherung, die schließlich in der körperlichen Vereinigung irgendwo zwischen Sex und Mord gipfelt. Voneinander getrennt, versucht das Paar seinen Alltag zu leben: Sie in ihrer offensichtlich unbefriedigenden Ehe, er in der steten Eifersucht seiner Zellengenossen. Am Ende der Erzählung kann nur der Tod der Beziehung und der Tod des Mannes stehen – darüber lässt der Film keine Zweifel.

Wie es Kim nach “Bin-jip” abermals gelingt, eine Metaphysik der Zweisamkeit in eine Welt der Vereinzelung zu transportieren, ist meisterhaft. Langsam gerät man als Zuschauer in die Kreisbewegung der Erzählung hinein, sieht sich mehr und mehr mit den Figuren identifiziert und lernt mit ihnen zusammen die eigentlich bittere Lektion (nämlich loslassen zu müssen) als eine Transzendenz-Bewegung zu verstehen. Was die Frau mit dem Mann macht (und vielleicht er auch mit ihr) ist nichts anderes als ein rituelles Abschiednehmen; den Tod anerkennen ohne ihn zu fürchten oder herbeizusehnen – eine ars moriendi.

Und wieder einmal hängt das Gelingen der Erzählung an den drei Achsen Kamera, Erzählrhythmus und Schauspiel. Ist der Stoff bei Kim manchmal auch noch so banal (wie etwa in “Samaria” oder “Hwal”), so ist es die Ausführung niemals. Fast ist man zu Tränen gerührt angesichts des nahen Beieinanders von Kitsch und aufrichtigem Gefühl – etwa beim sehr amateurhaften Vortrag der Jahreszeiten-Lieder der jungen Frau. Dass die Affektproduktion nicht überzogen oder gar kalkuliert wirkt, liegt an der Kamera, die genau in diesen Momenten eben nicht bloß mimetisch mitfilmt (oder schlimer: mit tanzt), sondern die Situation ganz bewusst bricht, indem sie eine zweite Kamera filmt – die Überwachungskamera des Besucherraums – und damit zeigt, dass es ein Film ist, den wir sehen, dass dieser Ritus vor Fototapeten stattfindet, dass die Musik aus einem kleinen Kofferradio kommt. Und trotzdem ist da mehr, nämlich das Mehr, das zwischen den beiden Figuren entsteht und durch das diese Inszenierung (in der Inszenierung) authentisch wird.

»It is time to keep your appointment with the Wicker Man.«

The Wicker Man (GB 1973, Robin Hardy) (DVD) (Kino- und Dir.-Cut-Fassung)

Als Zuschauer stehen wir dem Treiben in The Wicker Man seltsam neutral gegenüber; so recht will uns der Protest des Sergeant gegen die von ihm so vehement kritisierten Heiden nicht einleuchten. Zu harmonisch scheint deren Lebenspraxis, zu sehr bekommen sie recht durch ihren speziellen Gemeinschaftssinn. Lord Summerisle verlacht die naiven, von bloßer Indoktrination geprägten Überzeugungen des »christlichen Invasoren«, und dieser selbst sieht sich mit seinem Moralkodex mehr und mehr auf verlorenem Posten – bis zu dem Zeitpunkt, als ein Menschenleben in Gefahr ist, denn hier greift eine Ethik, die über bloßer Religionspraxis steht. Und genau hier ist auch der »Horror« des Films angesiedelt – zugegeben: ein nur noch sehr kleines Refugium für einen Film dieses Genres, wenn The Wicker Man denn überhaupt ein Horrorfilm ist. Er erscheint uns vielmehr als ein Hybrid aus Heimatfilm, Musical und ethnologischer Fiktion. Gerade die den Plot immer wieder begleitenden Gesangs- und Tanzeinlagen beschwichtigen, ja bezirzen den Zuschauer nahezu.

mehr: Schnitt

Pornstudies in Taiwan

Spiegel Online berichtet über Teilnehmer eines Seminars über Pornografie an einer Uni in Taiwan. (Inkl. Zoten)

So hell der Tag …

Jonathan (D 1970, Hans W. Geissendörfer) (DVD)

Einen kleine filmhistorische Rarität hat Kinowelt da vor einiger Zeit ausgegraben: Einen deutschen Vampirfilm von Geissendörfer, der Stokers “Dracula”-Roman mit einer manchmal etwas wirren Geschichte einer Revolte anreichert und damit den politischen über den sexual-moralischen Diskurs des Stoffes stellt: Jonathan wird ausgeschickt einer Bande von blutsaugenden Aristokraten den Garaus zu machen. Er verfängt sich jedoch zunächst in den politischen Wirren des Umlandes vom Schloss und wird dann von den Schergen des Grafen eingefangen und ins Verlies geworfen, wo er auf zahlreiche gefangene Bauern der Umgebung stößt, die zwecks Blutentnahme entführt und eingelagert wurden. Es gelingt ihm noch, die Gefangenen auf eine Revolte vorzubereiten, bevor Jonathan in Einzel- und Folterhaft kommt. Dann bricht der Sturm auf den Palast los und das Volk holt sich zurück, was ihm gehört: Seine eingesperrten Verwandten und sein Blut, das jetzt aber schon in den Adern der Aristokraten fließt. Der Graf und seine engste Gefolgschaft wird zum Ende im Meer ersäuft.

Wäre “Jonathan” nicht so holprig inszeniert und mit derartig kitschiger Musik (endlos repetitive Arien schmiegen sich an Gassenhauer aus der Klassik-Boutique) untermalt, es wäre ein wirklich guter Film geworden. Die blassen Bilder, die Ausstattung, die Spezialeffekte (Splatter im Deutschen Film der 1970er!), die Verformung der Stoker-Erzählung. Das alles hat seinen Reiz. Von Vampiren wird nirgendwo gesprochen und um sich sicher zu gehen, dass man seinen Film nicht als Horrorfilm missversteht, lässt Geissendörfer seine Blutsauger am hellichten Tag in Jagdgesellschaften über die Felder streifen und Bauern abschießen. Irgendwie wirkt “Jonathan” beklemmend und zeigt, wie wichtig ideologisch-politische Subtexte im deutschen Kino der 1970er-Jahre einmal gewesen sind. Aber man muss schon in der Stimmung für solch einen Film sein – und zu dieser gehört eben auch das Wohlwollen, über die Schwächen einfach hinwegzusehen.

Minority Report

Milk (USA 2009, Gus van Sant) (PV Filmkunst 66)

Was meinen Geschmack betrifft, ist es bei Gus van Sant wie bei Steven Soderbergh: Es gibt solche Filme und solche. Das filmästhetische Gespür, der Hang zum Subversiven (oder eben zum Unpopulären) lässt sich wohl nicht immer ausleben; erst recht nicht, wenn man meint, eine zeithistorische Darstellung vollbringen zu müssen. Genau das ist “Milk”: Der Versuch, einen Spielfilm über ein Historem zu drehen, dabei möglichst alle Fragen zu beantworten und keine Position zu beziehen. Das ist genauso unmöglich wie dumm, doch davon hat es in den vergangenen Jahren so viele Filme gegeben, dass sich leider schon ein eigener Stil durchgesetzt hat, den man mit Baudrillard ganz gut als “Retro-Szenario”-Ästhetik bezeichnen kann.

Und die sieht so aus, dass man sich der historischen Quelle unterwirft, sie “wahrheitsgemäß” ins Projektorlicht zu zerren versucht, indem die verschiedensten Techniken und Strategien der Authentisierung zum Einsatz kommen: Eingeschnittenen Originalfilmaufnahmen, auf das Zeitcolorit bearbeitetes Filmmaterial, Dokumentarfilmästhetiken usw. In “Milk” sieht also alles nach “Mitte bis Ende der 70er” aus. Den Mut, sich dieser Konvention zu widersetzen, bringt Gus van Sant nicht auf – dazu scheint ihm (wie schon beim unsäglichen “Good Will Hunting”) das Thema zu wichtig zu sein. Es geht um die Homosexuellen-Bewegung in den USA, die sich unter der Anführung von Harvey Milk zum ersten Mal Gehör verschafft hat, politischen Ausdruck gefunden hat, ihre Bürgerrechte eingefordert hat.

Das Thema ist so wichtig (oder wird von irgendwoher mit derartigen Argusaugen bewacht), dass sich ein Filmemacher hüten sollte, es auch nur mit einer Spur ästhetischer Mehrdeutigkeit zu inszenieren. Also sind die einzigen filmkünstlerisch interessanten Momente, diejenigen, die eine ganz eindeutige Symbolik haben – ein paar kleine Spiegelszenen (in einer Trillerpfeife, in einer Fernsehmattscheibe usw.) Der Rest des Film ist Historienkitsch mit dem Hang und dem Zwang zur Aufklärung, überladen mit politischer Bedeutung. Qualitätskino wie schon Finchers “Zodiac” und etliche andere Produkte dieser Art. Gus van Sant scheint hier mehr auf die Anerkennung irgendwelcher politsch korrekter Festival-Jurys zu schielen als auf künstlerische Integrität. “Milk” schreit nach Oscars und wird sie bekommen – weil er sie verdient hat.

Wende in der Deutschen Filmzensur in Sicht!

Justamet bekomme ich eine Pressemitteilung des DVD-Labels “epiX”, die dem aller neuesten Jugendschutzvorhaben, mit dem nun endlich erreicht wird, dass sie nie wieder “Kinder und Jugendliche Programme anschauen, die für ihr Alter nicht freigegeben sind”, ein Schnippchen schlägt … na ja, nicht ganz: Man erfüllt die Vorgabe aber bietet eine Alternative:

Epix Media AG künftig mit Wendecover für Jugendschutz und Filmfans

Die neuen Bestimmungen zur FSK-Kennzeichnung von Filmen müssen bis April 2010 umgesetzt werden. Das Berliner Label Epix Media AG wird die künftigen Neuveröffentlichungen ab Februar 2009 mit diesen neuen Kennzeichen versehen und die neue Regelung im Sinne des Jugendschutzes umsetzen. Für die neuen FSK-Logos wird eine deutlich größere Fläche vorgeschrieben und auch eine Platzierung auf der Vorderseite der Medien Pflicht.

Um unseren Kunden trotz neuer FSK-Kennzeichnung ansprechende Cover bieten zu können, werden zukünftig alle Produkte mit einem Wendecover, zweiseitig bedruckt, versehen. Beim Kauf sichtbar ist das Cover mit der neuen FSK-Kennzeichnung. Dieses dann jedoch nach dem Kauf der DVD durch die Innenseite, mit dem sich darauf befindlichem Originalcover ersetzt werden. Der Hinweis zum Wenden ist auf der Frontseite des Covers platziert. Die Epix Media AG sieht hierin eine gute Möglichkeit den Sammlerwert von DVDs beizubehalten und sowohl Gesetzesgeber und Konsumenten zufrieden zu stellen.

Jede Bemühung um “Sauberkeit”, eine Topos in der Geschichte der Zensur, ruft neue Gegenbemühungen auf den Plan. Und wer will sich schon den Ausstellungswert Sammlerwert seiner DVD von der FSK verhunzen lassen?

Tod ist kälter als die Liebe

Ambiguous (Aimai [Waisetsu net shudan: Ikasete!!], JP 2003, Toshiya Ueno) (DVD)

Schon die Aufmachung der deutschen DVD sticht von weitem ins Auge und läßt keinen Zweifel am Genre: ein magentafarbenes Cover, auf dessen Front eine Schwarzweißzeichnung von einem Mann und einer jungen Frau zu sehen ist – er hat sein Gesicht in der Nähe ihres Ohres im Haar vergraben, während seine rechten Hand unter ihren Rock und in ihren Slip fährt. Den Busen hat die Frau entblößt und scheint vor dem sexuellen Drängen des Mannes zurückzuweichen. Es sieht nach einem gewaltsamen Übergriff aus, könnte jedoch auch ein Rollenspiel sein. Und genau da ist der Pink-Erotikfilm in seinem Element, denn spielerische und manchmal ernste Gewalt zwischen den Geschlechtern, die dann jäh in Erotik umkippt oder aus dieser hervorgeht, ist sein Thema. Daß sich diese scheinbare Dichotomie zwischen Lust und Schmerz auf sehr fruchtbare Weise miteinander verbinden läßt, zeigt Ambiguous, der vom Sujet her nur sehr wenig mit seinem DVD-Cover gemein hat: Ein paar lebensmüde junge Leute verabreden sich zum gemeinschaftlichen Suizid. Allesamt haben sie denselben Grund: Einsamkeit. Doch ihre Geschichten unterscheiden sich.

mehr: Schnitt

Schnitt Nr. 53

Just erschienen: Die erste Ausgabe des Schnitt 2009. Themenschwerpunkt des Heftes ist der Regisseur Werner Schroeter, der seit den 1960er Jahren Filme dreht und allen Wellen und Neuerungen in der bundesrepublikanischen Filmlandschaft standgehalten hat.

Überdies finden sich im Schnitt Kritiken z. B. zu Tarsems “The Fall”, Petzolds “Jerichow”, Paul Schraders “Adam Resurrection” und einer handvoll anderer Neuerscheinungen. In den Rubriken gibt es Interviews mit Christian Petzold, Volker Schloendorff und Hans W. Geißendörfer, Rezensionen dem Taschen-Ziegelstein “The Ingmar Bergman Archives” und eine etwas verspätete Besprechung der Blu-ray-2.0-Disc “Das Waisenhaus” von mir.

Der Koch, sein Liebhaber, dessen Frau und die Schwiegereltern

Das Hochzeitsbankett (Xi yan, Taiwan 1993, Ang Lee) (DVD)

Ein erstaunlich naiver Film von Ang Lee, der in „Eat, Drink, Men and Women“ doch kurze Zeit später soviel filmerisches Feingefühl beweist. Sicherlich: Die Story nimmt einen erfrischenden, gegen jeden Anfangsverdacht der Heteronormativität gerichteten Verlauf – aber wie das gezeigt wird! Kamera und Schnitt in simpelster Soap-Ästhetik mit erwartbaren Schwenks, Schuss-Gegenschuss-Montagen und verschenkten Möglichkeiten, ganz im (sklavischen) Dienst der Erzählung.

»Wieso sollte irgendwer irgendein Privatleben haben?«

EdTV (USA 1999, Ron Howard) (DVD)

Eine deutliche Kritik am System „Big Brother“. Das Fernsehen ist ein Dispositiv der Macht, einer Macht, alles Private zu veröffentlichen. Ed findet sich in diesem System wieder, als er morgens aufwacht und Kameras ins Zentrum seiner Privatsphäre – sein Schlafzimmer – vorgedrungen sind und Bilder seiner Sexualität einfängt. Sein Kampf, den er nur gewinnt, weil es immer etwas gibt, das noch privater ist (und zwar nicht die Sexualität, sondern das sexuelle Versagen eines der TV-Macher) endet, als er das Kamerateam wieder aus seiner Wohnung verbannt und gleichermaßen real wie symbolisch die Tür hinter ihnen schließt.

Widerspruch gegen das Fernsehen, das nur redet ohne Gegenrede zuzulassen, das zeigt, ohne dabei selbst gezeigt zu werden, ist nicht möglich. Das Medium zwischen Gezeigtem (Ed), Zeigendem (True-TV) und Publikum ist Geld. Es bemisst den Wert der Privatsphäre ebenso wie den Preis der Veröffentlichung. Ed hat Geld gefordert und bekommen und muss sich als Gegenleistung selbst verkaufen. Wir schauen dabei zu und freuen uns, dass er für seine Gier bezahlt, dass das Fernsehen für seine Amoralität bezahlt und die diegetischen Zuschauer die Lager von Böse zu Gut wechseln.

Aber während wir zuschauen, (ver)führt uns der Film hinters Licht bzw die Kulisse. Dort, wo es Ed gelingt, dem (diegetischen) Kamerateam von „True-TV“ zu entfliehen und endlich etwas Privates zu erleben (einen Kuss, Sexualität, …), da erwartet ihn bereits die extradiegetische Kamera von „Ed-TV“. Wir sind schon dort und sehen das, was die anderen gern sehen würden. Das wird uns aber nicht klar, denn „Ed-TV“ ist nach den Regeln der decoupage montiert und vermeidet daher jeden Hinweis auf (s)eine Metaebene. Ein hinterlistiger Zug des Films.

Cathode Ray Mission

While the City sleeps (USA 1956, Fritz Lang) (VHS)

cathode-ray-mission

(Mit bestem Dank an meine Studenten für das Aufmerksammachen auf das Überoffensichtliche!)

Die Allmacht des Blickes

Das Millionenspiel (D 1970, Tom Toelle) (DVD)

Ein atemberaubend luzides Werk. Toelle und sein Drehbuchautor Wolfgang Menge nehmen nicht nur die meisten denkbaren (und bislang erschienenen) Medien-Dystopien vorweg, sie beschreiben 1970 ein Fernseh- und Gesellschaftssystem, das heute (fast) schon Realität ist.

Interessant ist der Konflikt zwischen diegetischer und nicht-diegetischer Kamera. Etliche Szenen, in denen man meint, den Spielfilm „Millionenspiel“ zu sehen, bekommt man die Fernsehsendung zu Gesicht und die Aufnahmen des Spielers sind von einem immer schon vor Ort wartenden Kamera-Team gefilmt und im Studio dem Publikum auf einer Leinwand präsentiert. Dieses „Einholen“ des Ereignisses durch die Kamera erreicht manchmal einen zeitlichen Minimalabstand, der schon fast unwahrscheinlich wirkt: Der Spieler versteckt sich in einer leeren Wohnung – in der ihn schon unser Blick (also der Blick des diegetischen Publikums, als die diegetische Kamera) erwartet.

Der Kamerablick ist immer und überall. Selten sieht man die Technik und selbst dort, wo sie zu sehen sein müsste (etwa, als eine „Samariterin“ den Spieler vor den Verfolgern in einem Cabrio rettet und das alles von dessen Rückbank aus gezeigt wird), ist sie unsichtbar, ist nur der Blick selbst da. Das ist kein Fehler, sondern eine „Vision“: Die Utopie der Allgegenwart des Fernsehens, in der derjenige als unglücklich beschrieben wird, der (noch) anonym leben (muss), ist hier als allgegenwärtiger Zuschauerblick codiert. Ein Blick, der keine Technik braucht, weil er physikalisch gar nicht vorhanden sein muss, denn man spürt ihn, weil man sich nirgends mehr unbeobachtet fühlen kann.

Puppentheater der Grausamkeit

Marquis (F 1989, Henri Xhonneux) (DVD)

Ein außergewöhnlicher Film, der da beim neuen Label „Bildstörung“ erschienen ist: Menschen mit Tiermasken spielen ein Gefangenenstück am Vorabend der französischen Revolution. Im Zentrum ein Schriftsteller, der, weil er auf ein Kruzifix geschissen hat, in der Bastille sitzt und dort seine dekadente Literatur verfasst. Er ist niemand geringeres als der Marquis de Sade – dort trifft er auf zwei seiner Musen: Justine und Juliette, die ihn zu literar-erotischen Höchstleistungen motvieren. Zudem wird er beständig von seinem sprechenden Penis angestachelt, sich dem System nicht beugen, sich dem masochistischen Gefängniswärter nicht für ein paar Annehmlichkeiten preiszugeben, sondern den Ausbruch zu wagen. Der kommt ein paar mal in greifbare Nähe und als der Sturm auf die Bastille losbricht, hält auch den Marquis nichts mehr dort.

Erstaunlich ist die Ruhe, mit der der Film inszeniert ist. Zärtlich in Sprache und Umgangsformen verhalten sich die Figuren zueinander. Wären es nicht Tiere (und der Film damit eine Fabel) und wären es nicht die literarischen Grausamkeiten des Schriftstellers Marquis de Sade, die da ins Bild gesetzt werden und wäre es nicht das Vorspiel zu einem der grausamsten historischen Ereignisse der europäischen Neuzeit, das der Film da verklausuliert erzählt: Man könnte ihn fast eine Liebeserklärung nennen; erschienen 200 Jahre nachdem sich das alles wirklich zugetragen haben soll.

30 Ways to Die of Electrocution

Eine herzliche Bildchen-Sammlung fotografiert im Technischen Museum Wien zum Thema Elektrotod um 1900 findet sich bei flickr:

(via: filmforen/Kasimir)

publicprivate: spaces

Das Berliner Arsenal setzt derzeit eine interessante Filmreihe aus dem Dezember fort, in welchem Filme über öffentliche und private Räume gezeigt werden:

Die von Maria Morata kuratierte Film- und Videoreihe befasste sich bereits im Dezember mit dem öffentlichen und dem privaten Raum und ihren Übereinstimmungen, Brüchen und Unterschieden. Nach dem im Dezember gezeigten Block “At Home” betrachtet der zweite Block “In The Street” am 6., 13. und 20. Januar nun den öffentlichen Raum genauer, nämlich als Produkt und gleichzeitig als Objekt sozialer Beziehungen, die die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer eigenen Erzeugung konstant reproduzieren und verändern. Die ausgewählten Werke konzentrieren sich auf die Projektion des Individuums in den öffentlichen Raum, sowie auf seine Fähigkeit, diesen zu verändern und umzudeuten.

Welche das sind, erfährt man auf der Webseite des Arsenal.

Immersion und Interaktion

Oliver Grau hat (schon 2004) im “Medien Kunst Netz” einen langen Text zur Geschichte und Theorie der medialen Immersion publiziert – häppchenweise oder als ganzes.

Ganz in Weiß

So finster die Nacht (Låt den rätte komma in, Swe 2008, Thomas Alfredson) (Kino in den Hackeschen Höfen)

Mein erster Kinofilm als Neuberliner – am 30.12. gesehen. Ein Film voller Schnee – kein Film für den Sommer. Und jetzt, wo ich hier sitze und über ihn schreibe, wird es draußen langsam hell und überall liegt Schnee. Für Vampire wird es jetzt langsam ungemütlich.

Einen selten doofen deutschen Titel hat man sich für Alfredsons Vampir-Jugend-Melodram-Soziogramm ausgedacht. Der Film trägt jedoch keinen Schaden davon und hat auch bei der zweiten Begegnung nichts von seiner Kraft verloren. Diese durch den dunklen schwedischen Winter eingefrorene Stille, die neben der Natur vor allem das Mitmenschliche lähmt und zusehends erstarren lässt, wird perfekt auf die Geschichte der beiden Kinder übertragen, die sich immer mehr von ihrer Umwelt abkapseln, indem sie sich Wärme suchend einander zuwenden.

Dass diese Zuwendung dann natürlich auch nicht wirklich ein sozialer Akt der Fürsorge, sondern wiederum nur kalt kalkuliertes Mittel zum Zweck ist (das Vampirmädchen sucht nach einem neuen Helfer, nachdem ihm sein alter “entwachsen” ist), macht den Film nur umso trauriger.

Erzähltransplantation

Awake (USA 2007, Joby Harold) (Blu-ray)

Zunächst einmal davon abgesehen, dass “Awake” wirklich ein unglaublich glattes, (im schlimmsten Sinne) kalkuliertes Filmchen ist, hat er doch einen Aspekt, den ich beachtlich finde. Sein Gegenstand ist ja alles andere als filmisch: Die zentrale Figur liegt in der meisten Filmzeit reglos auf dem Rücken und ist zu keiner Aktion und Reaktion fähig. Das Einzige, was die Kamera uns also zeigen könnte, ist diese Ruhe und diejenigen, die sich um sie herum gruppieren.

Interessanterweise ist diese Figur jedoch auch der Fokalisator der Erzählung. Aus seiner Perspektive wird die Geschichte dargeboten – und da tauchen Probleme auf, die nicht mehr allein narrativer Art sind: Wie erzählt denn jemand, der physisch gar nicht dazu in der Lage ist? Das Krankenhaus, in dem er sich befindet, ist ja nachgerade ein Topos für das (kurz- oder langfristige) “Verschwinden des Erzählers”. Ein schönes Beispiel hierfür ist Stephen Kings Roman “Christine”; dort verschwindet der Ich-Erzähler am Ende des ersten Teils im Krankenhaus und konfrontiert den Leser mit einem Perspektiv-Verlust, den King nur so zu beheben wusste, dass er von der Ich- in die Auktorial-Perspektive wechselt.

“Awake” nun geht einen anderen, überaus filmischen Weg: Er verwandelt den realen Handlungsraum in ein Hybrid aus realem Handlungs- und imaginiertem, funkti0nalisiertem “Erzählraum”. In letzterem kann sich der narkotisierte Patient wie in seiner Erinnerungswelt bewegen (erinnern wir uns an “Johnny got his gun”!), agieren und die Geschichte (eine Verschwörung) durch Reflexion des bereits Gesehenen und aktuell Gehörten (er liegt in einer Art Wachkoma) rekonstruieren. Der Film wechselt hier auch  die Erzählperspektive, jedoch nicht so radikal wie King in “Christine”. Vielmehr wird die vormalige externe Fokalisierung zu einer gemischten internen und Nullfokalisierung. Wir wissen stets, dass das, was die Kamera uns zeigt, ein Gemisch aus imaginierten und realen Bildern ist.

“Awake” wandelt sich auf diese Weise von einer bloß irgendwie unangenehmen Geschichte (ein auf dem OP-Tisch liegender Patient, bei dem die Narkose nicht wirkt) in einen Suspese-Thriller (der Patient entdeckt eine Verschwörung gegen sich und seinen narkotisierten Körper). Als solcher fährt er dann allerdings seine etwas dünne und in ihren Entwicklungen viel zu kalkulierte Erzählung gegen die Wand.