PFF: »Mein Freund fickt zum Glück besser!«

The Bad Luck Betties (USA 2007, Winkytiki) (Moviemento Berlin)

Der Auftakt zum 3. PornFilmFestival war schon gleich H/hardcore: Eine ambitionierte Produktion aus dem Hause Vivid, die die Geschichte einer Frauen-Gang in den 1960er Jahre erzählt. Die vier Damen, alles ehemalige Models, die vom „System Hollywood“ fallen gelassen wurden, haben es sich zum Ziel gesetzt, den Drogenhandel unter ihre Kontrolle zu bringen und gleichzeitig die Korruption eines fiesen Politikers aufzudecken. Dazu sind ihnen alle Mittel recht, vor allem Sex. Der Film verbindet fünf Hardcore-Sequenzen, die die Rächerinnen beim Erreichen ihres Ziels zeigt, sowie eine zunächst von ihnen abgelehnte Adeptin, die ihnen Zugang zum Politiker und seiner „Casting Couch“ eröffnet.

„The Bad Luch Betties“ variiert zum Einen geschickt zeitgenössische politische und (sexual-)kulturelle Themen und verpackt dies zum Anderen in recht witzige und zu Beginn noch originell inszenierte Hardcore-Sequenzen. Leider geht dem Film nach der ersten Hälfte spürbar die Puste aus: die ansonsten variationsreich gefilmten und montierten (nicht nur Hardcore-)Sequenzen verkommen zur bloßen Nummernrevue mit teilweise ermüdender Länge. Auch der Soundtrack, der zu Beginn noch Rock- und Pornomusik-Kolorite miteinander verquickt, wird zunehmend unironischer und zur Muzak-Soundkulisse des Treibens.

Viel interessanter als der Film wurde das Ambiente: Es war mein erster Kino-Pornofilm (obwohl nur eine DVD gescreent wurde). Zunächst war der Saal vollbesetzt mit etwa gleichanteilig Männern und Frauen. Während der zweiten Hardcore-Sequenz verschwanden immer mehr Leute und am Ende waren vielleicht noch ein Drittel der ursprünglichen Besucher im Saal. Die hatten es jedoch in sich. Direkt hinter mir saß eine sehr extravertierte Dame mit zwei männlichen Freunden, der ich den kommenden Absatz widmen möchte:

Sie musste ihre Coolness derart unter Beweis stellen, dass sie den ganzen Film mit ihren beiden Begleitern konversiert hat. Dabei ging es zum einen darum, wie eklig sie diese und jene Szene und Einstellung fand („Toll, jetzt rubbelt er da mit seinem schwieligen Daumen dran. Davon träumt jede Frau!“), wie sehr sie sich doch schon auf eine bestimmte Sequenz freue („In dem Film soll ein Mann vergewaltigt werden!“), worin ihr Verständnis von Feminismus besteht (nach einer Sandwich-Sequenz erschießt die Protagonistin ihre beiden Beischläfer, jedoch offscreen: „Das soll feministisch sein?“, der merklich enttäuschte Kommentar der Frau hinter mir) und nicht zuletzt vor allem darin, ihr eigenes Sexualleben mit dem auf der Leinwand zu vergleichen. Dieser Vergleich kulminierte in der überlaut vorgenommenen Feststellung: „Also mein Freund fickt zum Glück besser.“

„Zum Glück“ für wen? Für Sie, für die Umsitzenden, die sich das mit anhören durften? Zum Glück für ihren Freund, der es also mit (je)dem Pornodarsteller aufnehmen kann? Das kann man sich als Zuhörer selbst aussuchen. Interessant für mich war, wie deutlich ihre Kommentare doch mehr und mehr als „pfeifen im finsteren Wald“ zu erkennen waren. Wie anders sollte man das laute Reden, das vor allem in den Hardcore-Sequenzen deutlich Zunahme, noch interpretieren – gerade, wenn sie sich klar sein musste, dass ihre intimen Bekenntnisse nicht nur von den neben ihr sitzenden gehört werden können?

Es ist eben auch für die abgebrühten Besucher eines Pornofilm-Kinos immer noch ein Skadalon, die Intimität eines filmerotischen Momentes mit Dritten zu teilen. Zu glauben, das Überspielen der eigenen Emotionen durch Coolness und/oder Lachen sei ein Privileg der Pubertierenden, ist angesichts von Sexualität grundfalsch. Ich will mich von dieser Erkenntnis auch gar nicht ausnehmen: Miriam und ich saßen ja direkt vor der Privatleben-Exhibitionistin und haben geschwiegen. Wir haben den Film nur an wenigen stellen im Flüsterton zueinander kommentiert und ihn – aus kühler filmwissenschaftlicher Distanz? – selbst in den Hardcore-Sequenzen „ernsthaft rezipiert“. Diese Abgeklärtheit ist die andere Seite der Medaille.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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2 Kommentare zu PFF: »Mein Freund fickt zum Glück besser!«

  1. Ich hatte leider nicht das Vergnügen, die Kommentare oben genannter Dame zu hören. Aber ich würde dieses laute Pfeifen im Walde vollkommen anders interpretieren.
    Man hat doch beim Betrachten eines Films, der Bühne etc. nur die Wahl sich entweder vollkommen darauf einzulassen oder das Gesehene mit Distanz zu beurteilen. Die Wahrscheinlichkeit, sich im Kino mit 100 anderen Leuten auf die lang gezogenen Sex-Szenen einzulassen, ist nicht so hoch. Was ist da naheliegender, als die Szenen zu kommentieren? Das würde man doch auch bei einem Nicht-Porno-Film, der einen nicht gefangennimmt, machen. Es ist natürlich abtörnend, wenn die 99 anderen ZuschauerInnen vollkommen gefesselt waren von den Sex-Szenen und die 1 Dame mit ihren lustigen Bemerkungen störte. Aber ich hätte mir auch vorstellen können, daß man gemeinsam Bemerkungen macht und ablacht. Aber dafür ist der Großteil des Publikums wahrscheinlich zu schamhaft.

  2. Das würde allerdings nicht den privaten Charakter der Bemerkungen erklären. Es sei denn, die Dame ist notorische Exhibitionistin. Lustig waren die Kommentare übrigens keinessfalls und sie waren auch nur für die ganz in der Nähe sitzenden zu hören, was erklärt, warum du sie nicht gehört hast und eigentlich auch ausschließt, dass sie zur Unterhaltung aller sich langweilenden gemeint gewesen sein können.

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