»… wie die Heldin in einem Schmutzfilm.«

Birdcage Inn (Paran daemun, Süd Korea 1998, Kim Ki-duk) (DVD)

Kims frühe Filme sind wie rohe, ungeschliffene Diamanten. Der Glanz des späteren Werks lässt sich bereits in vielen Facetten erahnen. Vor allem der Motivfundus zeigt sich bereits früh: außergewöhnliche Familienstrukturen, Sexualität und Gewalt, Selbstfindung und Harmonie in der denkbar größten (optischen und emotionalen) Disharmonie. „Birdcage Inn“ ist ein Film über eine junge Frau, die als Prostituierte in einer kleinen Pension arbeitet und dort in die Familie der Wirtin integriert wird. Nach und nach greifen alle Familienmitglieder auf ihre Dienste zu, ohne dass es offenbar würde. Nach außen stets um die soziale Distanz zu der Prostituierten bemüht, entwickelt sich nach innen ein emotionales und sexuelles Abhängigkeitsverhältnis. Die scheinbar freie Bürgerschicht muss in der tabulos gelebten Gegenwart des Mädchens ihre eigenen Schranken erkennen. Und während sich diese zusehends von den sie beherrschenden Strukturen und Menschen emanzipiert und eine aufrichtige Liebesbeziehung aufbaut, hinterlässt sie die Gastgeberfamilie als geläutert und endlich aufrichtig zu ihren eigenen Bedürfnissen stehend zurück.

Das Märchen vom Aschenputtel drängt sie wie die Redewendung vom „Goldenen Käfig“ auf, wenn sich die Story des Films vor einem ausbreitet. Ki-duk findet nicht nur genau die richtigen Worte (für die Dialoge der Protagonisten), sondern auch Bilder. Er kontrastiert die triste Existenz in der Pension, den Schmutz und die Gewalt mit wunderschönen Bildern von endlich erreichter Einsamkeit und ungewöhnlichen Drehplätzen. Alles das ist in einem unaufgeregten, trangeden Rhythmus erzählt, der den Zuschauer zu keiner trotz der mangelnden Zimperlichkeit der Geschichte enerviert. Das ist auch beim späteren Kim so – und das ist einer der Gründe, warum ich seine Filme so mag.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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