Running out of Focus

Pesticide (Frankreich 1978, Jean Rollin) (DVD)

Alle Jahre wieder schaue ich Rollins kleines Meisterwerk – gestern im Rahmen eines Zombiefilm-Double-Features – und entdecke darin Neues. Dieses Mal ist es etwas, von dem ich mich weigere es als Fokus-Problem zu bezeichnen: In etlichen Szenen ist der zentrale Gegenstand im Bild unscharf, so als wäre der Bildfokus auf einen Punkt davor oder dahinter eingestellt. Dass es sich um eine Schwäche der DVD handelt, glaube ich eigentlich nicht; dass es Rollin beim Filmen oder später am Schneidetisch nicht aufgefallen ist, erst recht nicht.

Und einen Effekt, ja, eine regelrechte Entsprechung haben diese Unschärfen dann ja auch sowohl für die Story und ihre Figuren als auch für das übrige optische Narrativ des Films. „Pesticide“ wirkt wie ein verschwommener Blick in eine Welt, in der die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn unscharf geworden ist. In dieser Welt heißt sehen (erkennen) überleben und blind sein sterben. Die Heldin, die durch ihr Erkennen der Katastrophe im doppelten Sinne „bildlich ver-rückt“ wird, wird dies nur, weil sie ihren Augen nicht trauen kann, zwischen den Verseuchten und den Normalen nicht unterscheiden kann. Demzufolge bringt ihre Flucht durch die kargen Einöden und halb zerstörten menschlichen Siedlungen sie auch im Erkenntnisprozess kaum voran.

Der Film macht diese Misere emblematisch immer wieder durch extrem lange Brennweiten deutlich, in der die Bewegungen der Figuren entweder so wirken, als kämen gar sie nicht voran (wenn sie sich auf die Kamera zubewegen), oder als gerieten sie in dieser Welt in einem rasenden Taumel (wenn die Kamera eine seitwärtige Bewegung abschwenkt). Die Fokus-Unschärfen betreffen Szenen, in denen keine oder nur sehr wenig Bewegung im Bild ist, in denen die Flucht also stoppt. In diesen Momenten erkennen wir (bzw. erkennen wir nicht), worin das Drama ihrer Suche besteht: Das Nicht-Finden-Können einer nachvollziehbaren distinktiven Grenze zwischen Traum und Alptraum, Wahnsinn und Normalität, Hintergrund und Vordergrund, Kontur und Fläche, … Die Unschärfe ist ein früher Indikator dafür, wohin die Protagonistin in ihrer Suche geführt wird. In die Unterschiedslosigkeit.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
Dieser Beitrag wurde unter Filmtagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Running out of Focus

  1. Benjamin sagt:

    Stefan, Du Teufelskerl! Aus so einer kleinen, nebenher gemachten Beobachtung bastelst DU gleich einen Mini-Essay. Der obendrein sehr stimmig ist! Wie ich sehe, befolgst Du eisern Namensvetter Benjamins Ratschläge zum Scriptorentum, insbesondere Nr.V.

    Zum ersten Mal ist die Unschärfe in der Landhausszene aufgefallen, wo die Ununterscheidbarkeit/Unschärfe zwischen Zuflucht/Falle, kaputt/nichtkaputt, krank/gesund, Vertrauen/Mißtrauen etc nicht zuletzt durch den Wechsel von der unüberschaubaren Landschaft in die vermeintlich gute Stube schon räumlich neu fokussiert wird. Eine neue Unübersichtlichkeit, diesmal familiärer Art.

    Die im Nachhinein, angesichts der ermordeten Mutter, extrem beeindruckende Contenance der Tochter, die, um sich und die Fremde zu retten, gleichzeitig den Vater und die Fremde täuschen muss, hat kleistsches Format! Besser wußte man sich in St.Domingo auch nicht zu helfen. Sie spielt dem Vater und der Hilfesuchenden die Komödie der Normalität vor – mit tragischem Ausgang, na klar, aber als Bauernopfer (harrharr) immerhin noch gut genug für den entblößten (inzestuösen) Showdown dieses kleinen bäuerlichen Trauerspiels.

    Vielleicht könnte man die Vorspielung falscher Tatsachen, die hier mit den Mitteln des (unscharfen) Schauspiels scheitert, in der sexuell-ästhetischen Täuschung mittels (scharfer, nämlich:) nackter Tatsachen fortgeführt sehen? Die von der Auflösung ihrer Körpergrenzen Verschonte (hier: sattsam bekannte Pornoqueen) täuscht die von der Auflösung ihrer Verstandesgrenzen Bedrohten (Publikum, hier: biertrinkende Bauern,), in dem sie deren Blick auf zweifellos intakte Formen lenkt, die eine temporäre willing suspense of disbelieve herstellen, die sich schließlich nur mit Dynamit auflösen läßt. Hat das was mit Kino zu tun, oder sehe ich das falsch?

    Naja, für die Schenkelklopferfraktion könnte man noch hinzufügen, dat dat allet so unscharf is, weil die Zombies eben alle WEIN gesoffen ham. Dä! Ich bleib vorläufig beim Kölsch.

    Bin schon gespannt auf den nächsten Abend!
    Beste Grüße, B

  2. Der nächste Abend müsste sich dann mit noch klassischeren Zombies befassen – solche, die auch richtig zubeißen. Etwa „Die Hölle der lebenden Toten“ oder „Zombi 3“ (von Andrea Bianchi – der müsste sowieso mal aus der Versenkung in den Pantheon der akademischen Hochachtung gehoben werden).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.