Erinnern und »Erinnern«

Ensayo de un Crimen (Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz, Mexiko 1955, Luis Buñuel) (DVD)

Die zweite Sichtung war notwendig, weil ich mir noch einmal den Aufbau
der Erzählung vergegenwärtigen wollte. Über die Fragestellung, ob
Erinnerung narrativ strukturiert sei, ist mir in den Sinn gekommen,
einmal die Verwendung der Rück- und Vorblenden in „Ensayo“ anzuschauen
– mit einigen sehr interessanten Ergebnissen.


Rückblenden werden im Film vor allem aus zwei Gründen eingesetzt:

  1. sollen Sie eine vorangegangene, außerhalb der erzählten Zeit liegende
    Handlung „vergegenwärtigen“, die Einfluss/Auswirkungen auf Aspekte der
    filmischen Gegenwart hat. Hier wird die Rückblende „objektiv“
    konnotiert (was sie – das zeigt Hitchcocks „lügende Rückblende“ in „Stage Fright“
    – nicht immer ist!).
  2. wird die Rückblende als Erinnerungsvisualisierung
    eines Protagonisten eingesetzt. Hier dient sie dem Zuschauer dazu, ein
    ganz subjektives vergangenes Erlebnis abzubilden. Diese Form der
    Rückblende ist
    nicht notwendig an Faktizität gebunden, sondern enthält
    zwangsläufig subjektive Färbung und kann so zum Beispiel
    neurotische/psychotische Realitätsverzerrung verdeutlichen (vgl. „Lost
    Highway“).

In „Ensayo“, der über 70 Minuten aus einem Flashback besteht, liegt eine
Hybridform beider Rückblenden-Typen vor. Zwar sind die Flashbacks
Archibaldos augenscheinlich vom zweiten Typ, was schon deren Zweck
(nämlich die Selbstbezichtigung als Mörder) verdeutlicht. Doch sind sie
filmtechnisch wie der erste Typ verwirklicht. Anders nämlich als in
„Erinnerungen“ aus der Alltagserfahrung typisch, werden nicht
wenige Szenen gezeigt, in denen das Subjekt der Erinnerung gar nicht
zugegen ist.

Verbunden mit dem psychologischen Narrativ des Films (der an vielen
Stellen überdeutlich zutage tritt), zeigen diese „unmöglichen
Erinnerungen“ viele Eigenschaften der so Freud’schen „Deckerinnerung“: Sie
lassen sich als Verschiebungen interpretieren, die eigentlich etwas
ganz anderes über den Erinnernden aussagen (als dass er ein Mörder
ist). Wollte man Buñuels etwas platter Psychopathologie Archibaldos
folgen, so drehen sich all seine Erinnerungen um „Ersatzhandlungen“ am
Objekt, die dem Protagonisten ermöglichen, in seiner
kindlich-narzisstischen Allmachtsfantasie zu verweilen, die der
Realität (in welcher sich die Frauen ihm entziehen) diametral entgegen
steht. Nicht wenige Szenen zeigen Archibaldo als Fetischisten!

Ich verolge aber eine andere Spur, die sich eher an der Frage medialer Inszenierung von Schuld und Schuldbewusstsein
entwickelt. Dass Archibaldo sich „falsch“ erinnert, zeigt der Film in
den „unmöglichen Erinnerungen“ und die Erzählung in den „falschen
Schlüssen“ (eben: dass er der Mörder der Frauen ist, weil er es sich
deren Tod gewünscht hat). Filmisch wird seine Schuld an den Toden überdeutlich,
denn die Montage von „Ensayo“ stellt eine direkte kausale Beziehung
her: Es gibt ein Mordvorhaben, dass sich dem „Täter“ als Vision im
Vorfeld offenbart (filmisch: eine Vorblende), es gibt eine Tatanbahnung
(unterbrochen durch die Zufälle) und es gibt jeweils eine Leiche. Dass
die Verbindung dieser Momente nicht durch die Tat, sondern durch den
Wunsch vonstatten geht, ist eigentlich irrelevant.

Von einer konstruktivistischen Warte aus ist die Schuld Archibaldos
so lange erwiesen, wie sie in seiner Erinnerung besteht. Erst als er mit der
„Absolution“ des Kommissars konfrontiert wird, die seine Erinnerungen
uminterpretiert, kann er sich wieder unschuldig fühlen.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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