»It’s a hoax. It is just a hoax.«

The Incident at Loch Ness (GB 2004, Zak Penn) (DVD)

Irgendwie schien mir die Sache von Vornherein faul: Werner Herzog dreht
einen Dokumentarfilm über das Monster von Loch Ness?! Das Sujet passt
nur dann in sein Werk, wenn es sich weniger auf das vermeintliche
Monster und vielmehr auf die Sage und besser noch einen manischen
Nessi-Forscher konzentriert. Als ich zum ersten Mal von dem Projekt
gehört habe, war es schon „gescheitert“. Wieder hatte es juristische
Schwierigkeiten gegeben, wieder waren Menschen bei den Dreharbeiten
gestorben. Aber ein Film hatte überlebt: Ein Dokumentarfilm über das
Scheitern des Dokumentarfilms.

„The Incident of Loch Ness“ ist dieser Dokumentarfilm. Er verfolgt die
Arbeiten Herzogs und seiner Crew von der Vorproduktion bis zum
Scheitern, ausgelöst durch Verschwörungen der Crew gegen Herzog,
Alleingänge des Kameramanns und des Produzenten („gespielt“ von Zak
Penn) und schließlich durch das Auftauchen des Loch-Ness-Monsters, das
das Expeditionsboot Herzogs angreift und zwei Menschen in den Tod reißt.

Ich weiß noch genau, ab welchem Punkt ich mir sicher war, es mit einer
Mockumentary zu tun zu haben: Als sich der Kameramann und der Produzent
entschließen, während Herzog unter Deck des Bootes weilt, mit der
Radiologin (bzw. dem Playmate) Kitana Baker einen kleinen Sex-Film zu
drehen: Die Frau streift ihren Overall ab und darunter kommt ein extrem
knapper Stars-and-Stripes-Bikini zum Vorschein. Sie springt ins Wasser
und es gibt ein Riesen-Geschrei, weil es viel zu kalt ist. Herzog kommt
hinzu und es entbrennt ein Konflickt, an dessen Ende eine Besprechung
Herzogs mit Zak Penn steht und Herzog die Worte „It’s a hoax. It is
just a hoax.“ sagt.

Damit meint er natürlich zunächst die Verschwörung seiner Crew gegen
sein Projekt. Und dennoch kommentiert sich der Film ab diesem Moment
beständig selbst und reflektiert sein Wesen als Mockumentary. Vieles
aus Herzogs Biografie und Filmografie fließt in die Interviews und
Unterhaltungen der Protagonisten ein – unter anderem auch die Anektdote, dass er Kinski
einmal mit gezogener Waffe gezwungen haben soll, eine Szene zu drehen.
Dieses „Gerücht“ verfolgt Herzog – nach eigener Aussage – seit Jahren
und ist falsch. Dennoch versucht Zak Penn Herzog in einer Szene auf
genau diese Weise zu zwingen, ein von ihm selbst gebasteltes
Nessi-Fake, das im See treibt, zu filmen. Fiktion und Wahrheit holen
sich gegenseitig ein.

Ich glaube, dass hier auch der Grund für Herzogs Teilnahme an dem Film
„The Incident at Loch Ness“ zu vermuten ist. Herzog hat sich seit
Jahrzehnten als Mythenproduzent betätigt. Es wird mehr über ihn und
seine Erlebnisse gesprochen als über seine Filme. Den Höhepunkt
erreicht dies mit dem Film „Mein liebster Feind“, in dem Herzog die
Kinski-Mythen-Maschine noch einmal richtig auf Hochtouren bringt. Was
ihm danach noch bleibt, ist eine Reflexion über all dies. Diese
Reflexion findet sich in „The Incident at Loch Ness“.

Ein unmögliches Sujet (ein Schiff über einen Berg ziehen) mit
widerspenstigen Mitarbeitern (Kinski), nicht enden wollenden
Katastrophen (Unfälle im Urwald), Morddrohungen (die Indianer wollen
Kinski beseitigen) und ein Schiff, das in den Fluten zerschellt
(nachdem es erfolgreich über den Berg gezogen wurde) … „The Incident
at Loch Ness“ wiederholt die Produktion von „Fitzcarraldo“, spiegelt
sie an einem Punkt der Unmöglichkeit/Lächerlichkeit und spricht auf
diese Weise über das Wesen der Herzog-Filmproduktionen, die immer auch
zu einem nicht geringen Teil vom Mythos ihrer selbst gelebt haben.

Dass im Vorfeld das Gerücht lanciert wurde, Herzog habe tatsächlich
einen Dokumentarfilm über Das Monster von Loch Ness drehen wollen, der
dann aber aufgrund der Katastrophen vor Ort abgebrochen wurde, ist die
konsequenteste Einleitung für solch ein Projekt. Der Zuschauer, der
„The Incident at Loch Ness“ besucht, lechzt geradezu nach einem zweiten
„Burdon of Dreams“ oder „Mein liebster Feind“. Er erwartet, Hezog in
Schwierigkeiten zu sehen zu bekommen. Und seine Erwartung wird nicht
enttäuscht.

„The Incident at Loch Ness“ ist eine „typische“ Herzog-Doku: Eine
Mischung aus dem, was wirklich passiert ist (nämlich die Mythensammlung
aus „Fitzcarraldo“) und einer gehörigen Portion Fiktion (das Auftauchen
des Nessi-Monsters). Nur ist hier alles eigenartig verschoben: Nicht
die Fiktion metaphorisiert die Tatsache, sondern die Tatsache
korrumpiert die Fiktion: Mit dem Erscheinen Nessis kippt der Film in
einen Horrorfilm (was sogar thematisiert wird). Am Ende sitzt man als
Zuschauer vor einem wirren Haufen von Facts und Fiction, der in all
seiner Verworren- und Verlogenheit mehr Wahres offenbart als es jede
Dokumentation über Herzog je könnte.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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3 Kommentare zu »It’s a hoax. It is just a hoax.«

  1. djmacbest sagt:

    Ich les das jetzt erst… Freut mich wirklich, dass dir der Film so gefallen hat, ja. 🙂

  2. Stefan sagt:

    Hättest du etwas anderes erwartet? Der hat ja auch wirklich alles, womit man mich hinter’m Ofen vorlocken kann: Eine Fake-Strategie, Selbstreflexivität, Werner Herzog, ein Monster und eine Akademikerin im Bikini. 😀

  3. Pingback: Digging the truth | SimulationsRaum

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