»Anybody can get hurt anytime«

The Sniper (USA 1952, Edward Dmytryk)

Je tiefer ich mit meinem Thema in den mordernen Film hinein gerate, desto exzellenter und durchdachter werden die Filme.

200px-the_sniper_1952.jpgEdward Dmytryks „The Sniper“ ist mit seiner psychologischen Tiefer sicherlich seit Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ der komplexeste Beitrag zum Thema Serienmord bis in die 1950er Jahre. Da der Film hierzulande nie veröffentlicht wurde, erzähle ich den Plot einmal nach:

Die Vorgeschichte: Der etwa 30-jährige Eddie Miller wird aus der psychiatrischen Klinik entlassen, weil er als „geheilt“ gilt. Der von seiner Mutter vernachlässigte und gequälte Eddie hatte Zeit seines Lebens Aggressionen gegen Mädchen und Frauen, die sich schließlich in Gewalt entluden, weswegen er eingesperrt wurde. Eddie ist sich nach seiner Entlassung jedoch sicher, nicht geheilt zu sein. In seinem Zimmer bewahrt er eine Waffe auf, die er aus seiner Army-Ausbildung als Scharfschütze behalten hat.

Zunächst zielt er mit dem nicht geladenen Gewehr auf weibliche Passanten vor seinem Haus. Als er jedoch von einer jungen Frau, der er als Reinigungslieferant ein Kleid nach Hause gebracht hatte, zurück gewiesen wird, entschließt er sich, diese Frau zu erschießen. Ihr folgen noch weitere Frauen, die ihn entweder abgewiesen haben oder deren gesellschaftliches Engagement ihn erschreckt.

Die Polizei hat keine Spur von dem „Sniper“, der scheinbar willkürlich vorgeht. Allein der Polizeipsychologe Dr. Kent meint ein Profil der Taten und des Täters erstellen zu können. Er rekonstruiert aus den Opfer-Typen und den Umständen der Tat recht genau, um welche Persönlichkeit es sich bei dem Mörder handeln muss und sieht auch, dass dieser eher Hilfe als Sühne benötigt (er zitiert dabei den Fall Albert Fishs). Da die Medien den Sniper-Fall jedoch soweit aufgebauscht haben, dass sich eine allgemeine Hysterie in der Stadt entwickelt, kann sich die Polizei auf die langwierige Fahndung nicht einlassen.

Als sich Eddie – nun auch tagsüber – auf die Suche nach einem neuen Opfer begibt, wird er bei den Tatvorbereitungen beobachtet und flieht in seine Wohnung, die die Polizei schon bald umstellt. Als die Ermittler die Tür zum Appartement des Täters aufbrechen, sehen sie diesen weinend auf seinem Bett sitzen.

Dmytryks Film besticht zum einen durch seine exzellenten Darsteller – allen voran Arthur Franz, der den Mörder Eddie spielt. Mimik und Gestik der Figur sind dem Sujet so angepasst, wie es in kaum einem Serienmörderfilm zuvor zu sehen war. Dmytryk verschafft seinem Thema jedoch auch über die Charaktere hinaus extreme Geltung. Die düsteren Straßen, die Enge von Eddies Zimmer, die Subjektiven durch Zielfernrohre, die steilen, neutralen Blickwinkel, in denen die Taten beobachtet werden sowie extrem eloquente Schnitt- und Überblendungstechniken wiederholen die zutiefst erschütternde Erzählung des Films in jedem Bild.

Im Zentrum steht eine Sequenz, in der der Täter einen Jahrmarkt besucht. Überall um ihn herum wimmelt es von glücklichen Liebespaaren. Sein erster Gang führt ihn zu einem Schießstand, wo er die angekettete Waffe herumreißen und auf ein Paar in einem Riesenrad schießen will. Als ihm dies jedoch nicht gelingt, „mäht“ er förmlich voller Wut eine Reihe von Metallzielen in der Schießbude um, um dann zu einer weiteren „ballistischen Attraktion“ zu gehen, die ihm ein lebendiges Ziel liefert: Eine Frau sitzt auf einem Podest und der Spieler muss einen Ball auf eine kleine Fläche werfen, damit die Frau in ein Wasserbassin fällt. Eddie trifft diese Stelle immer wieder und schon nach dem dritten Sturz ist die Szene für keinen der Anwesenden mehr komisch; sein Gesichtsausdruck verzerrt sich immer mehr zu unbändiger Wut und schließlich schleudert er die Bälle nicht mehr auf den Zielpunkt, sondern direkt in Richtung der völlig verstörten Frau. Die allgegenwärtige „gutmütige Mysogynie“ des Patriarchats findet hier ihre „spielerische“ Übertreibung hin zur konkreten Gewalt gegen Frauen.

„The Sniper“ wendet sich ab von den herkömmlichen Kriminalerzählungen, in denen der Täter hauptsächlich als Rätsel für den Kriminologen oder den Zuschauer herhalten musste und darüber hinaus oft nur ein Skandalon filmischen Mordens darstellte. Dmytryk lässt von Beginn des Films an keinerlei Zweifel darüber, dass er hinter seinem Täter steht und formuliert mit „The Sniper“ einerseits harsche Kritik an gültigen Krimi-Konventionen (und darüber hinaus auch an einer rein retributiven Justiz), andererseits wendet sich sein Film deutlich gegen die Waffen-Philosophie seiner Landsleute. Dass das Töten legitim gelehrt und überall gelernt werden kann, dass Schießen (auch im symbolischen Werfen „gegen eine Frau“) ein Spiel ist, prangert Dmytryk mehr als offensichtlich an.

Daneben formuliert er mit beißender Ironie einen Serienmörderstoff, der sich vor allem aus gängigen patriarachalen Schemata seiner Zeit speist: Die Frauenverachtung des Täters ist nur das (radikalisierte) Resultat der Frauenfeindlichkeit seiner Umgebung: Als er sich, um sich vom Töten abzuhalten, an einem Elektroherd absichtlich die Hand verbrennt, bekommt er mehr als einmal (u.a. vom behandelnden Arzt) gesagt, er solle sich eine Frau zulegen, die würde dann kochen und sich die Hand verbrennen. Auf derlei chauvinistische Derbheiten trifft Eddie im Film immer wieder; sie scheinen ihn in seinem Tun zu bestätigen – um so tiefer sein Sturz, als er verfolgt wird, weil man Frauen eben nur unterdrückt und sie aber nicht tötet.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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