»Eine Schönheit, die noch schöner wird im Tod«

Lured (USA 1947, Douglas Sirk)

Das Remake von Siodmaks „Pièges“ hat Stärken und Schwächen gegenüber seinem Vorgänger.

Gut, ein echtes Remake ist „Lured“ nicht, sondern vielmehr die
neuerliche Adaption desselben Drehbuches. Angeblich kannte Sirk den
Vorgängerfilm mit Maurice Chevalier auch nicht.

Die erzählte Geschichte ist dieselbe – dennoch wirkt „Lured“ dichter,
in seiner Episodenhaftigkeit weniger atomisiert als „Pièges“. Das liegt
vor allem an Sirks Konzentration auf die Figuren. Sein Talent,
Menschen, Emotionen und Räume in eine echte Harmonie miteinander zu
bringen, wie es sich vor allem in seinen Melodramen der 1950er Jahre
entfaltet, zeigt „Lured“ schon deutlich.

Die Intellektualität und vor allem psychologische Tiefe der
Siodmak’schen Perspektive gibt Sirk zugunsten des dramatischen
Konflikts im „Liebesdreieck Robert-Sandra-Julien“ auf. Für 1947 lehnt
er sich in den homosexuellen Andeutungen ganz schön weit aus dem
Fenster: Julien verfolgt seinen „Kumpel“ Robert auf Schritt und Tritt,
kommentiert dessen Tête-à-têtes schnippisch und macht sich so
überdeutlich nichts aus Frauen, dass die Begründung des Plots, Julien
zum Schluss als Mörder zu entlarven, weil dieser in Sandra verliebt
sei, hochgradig schief wirkt.

Interessant (und für mich schließlich noch eine schwierige Aufgabe)
sind die im Film eingebauten Verweise auf Charles Baudelaire. Der Täter
schreibt „Mord-Ankündigungen“ im Stile der „Fleurs du Mal“ und der
belesene Inspektor findet schließlich sogar ein Referenzgedicht in der
Baudelaire-Ausgabe Juliens:

Der Himmel ist des Todes und der Schönheit Schrein.
Die Sonne stirbt in ihres Blutes Rot.
Du, Süße, fürchte nicht den Tod,
denn er wird schöner als die Schönheit sein.

Da es sich um eine deutsche Nachdichtung (zudem aus einer englischen
Nachdichtung, die im Drehbuch gestanden haben dürfte) handelt, ist die
Strophe nahezu unmöglich zu identifizieren. Mein „nähster Verdacht“
ruht auf dem Text „XLVII Abendliche Harmonie“:

Abendliche Harmonie

Die Blumen schauern, da die Stunden nahn,
Wo Blütenhauch wie Weihrauch sich erhebt;
Ein Duft und Klang die Abendluft durchwebt;
Schwermütiger Walzer, sehnsuchtsvoller Wahn!

Wo Blütenhauch wie Weihrauch sich herhebt!
Die Geige stimmt des Herzens Klage an;
Schwermütiger Walzen, sehnsuchtsvoller Wahn!
Schön wie ein Baldachin der Himmel schwebt.

Die Geige stimmt des Herzens Klage an,
Des sanften Herzens, das im Nichts erbebt!
Schön wie ein Baldachin der Himmel schwebt;
die Sonn ertrank im Blute, das gerann.

Des sanften herzens, das im Nichts erbebt!
Vom Gestern leuchten Spuren dann und wann!
Die Sonn ertrank im Blute, das gerann…
Hell, als Monstranz, dein Bildnis in mir lebt!

(Hier der Originaltext)

Wer weitergehende Hinweise hat, möge sich bitte bei mir melden.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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8 Kommentare zu »Eine Schönheit, die noch schöner wird im Tod«

  1. Harald sagt:

    Die deutsche (TV-)Synchro von Lured ist leider nicht wirklich zu brauchen – schon weil sie an vielen Stellen die Originalmusik verliert. Im O-Ton lauten die betreffenden Zeilen so:

    A shrine of death and beauty is the sky, drowned in red blood,
    the sun gives up its breath:
    don’t be afraid, my sweet, to die,
    for beauty ’s still more beautiful in death.

    Was Julien betrifft, nur zwei Worte: Waldo Lydecker. 😉

  2. Stefan sagt:

    Danke für das Original-Zitat.

    Mit der Anspielung „Waldo Lydecker“ kann ich allerdings nicht so viel anfangen. Bezieht sich das auf Sanders‘ Rolle in „Laura“? Warum? (Lange nicht mehr gesehen)

    Stefan

  3. Harald sagt:

    Es war Clifton Webb, nicht Sanders, aber Nochmalsehen lohnt sich – nicht nur wegen „homosexueller Andeutungen“, aber immerhin steigt Webb gleich in der ersten Szene aus der Badewanne und bittet Dana Andrews, ihm ein Handtuch zu reichen. Was Julien angeht, denke ich, daß der Sachverhalt etwas komplexer ist: er bewundert Robert als role model, giert aber dennoch nach Sandra, während Lydecker „seine“ Laura nur als extension (»the best part of myself«) ansieht.

  4. Stefan sagt:

    Hmm, die deutsche Synchro-Fassung von „Lured“ suggeriert aber, dass Julien schon immer in Sandra verliebt war, was eine völlig abstruse Begründung für die anderen Morde – die, bevor Sandra überhaupt in das Leben der beiden Männer getreten ist – wäre (und als offensichtliche „Notlüge“ des Plots, das eigentliche Motiv zu verschweigen, gelesen werden kann – sozusagen: Selbstzensur).

    Für die Hypothese, dass Julien homosexuell sein könnte, gibt es noch ein paar Hinweise: Er reagiert jedes Mal, wenn Robert ihm irgendwelche Mädchen zeigen oder vorführen will (die Episode mit den Stepptänzerinnen ganz am Anfang!) desinteressiert bis eifersüchtig. In der Opern-Sequenz beobachtet Julien Robert sehr argwöhnisch, als sich dieser per Opernglas Sandra anschaut etc.

    Diese Homosexualität ist schon in „Pièges“ angedeutet gewesen, die Präsenz von Maurice Chevalier hat dem jedoch nicht besonders viel Spielraum gelassen – einzig im Zwiegespräch mit dem Kommissar (»Kennen Sie Freud?«) zeigen sich die Tendenzen dann deutlicher.

  5. Stefan sagt:

    Gedichte, Gedichte

    Du hast ja offenbar (Zugriff auf) die Originalfassung von „Lured“. Darf ich dich um einen kleinen Gefallen bitten? Es kommen zwei vom Mörder selbst verfasste Gedichte vor. Ziemlich am Anfang:

    Elefanten umkreisen ihren zarten weißen Arm
    Glücksbringer als Schutz vor Leid und Verharm
    Dies liebliche Kind, dessen Schönheit, oh wann
    Nur der Tod noch erhöhen kann. (0:03:35)

    Und zu Beginn des letzten Viertels (nachdem die Verlobung der beiden bekannt gegeben wird):

    Die Schönste, die entdeckt des Tigers Lagerstatt
    Ahnt nicht, welch fremder Liebe sie sich da genähert hat
    Auf blauer Seide silberer Sterne Schein
    So schreitet sie einher – und gibt dem Tod ein Stelldichein. (1:11:56)

    (btw. scheint – zumindest die dt. Fassung – meine Homosexualitätstheorie mit dem 2. Vers unterstützt zu werden.)

    Känntest du mir diese beiden Texte aus der englischen OF zitieren?

    Das wäre nett!

  6. Harald sagt:

    Ad Julien: ich kenne „Pièges“ nicht, angesichts „Lured“ würde ich aber sagen, daß Eifersucht nicht zwingend sexuell konnotiert sein muß. Julien traue ich weder homo- noch heterosexuelle Aktivitäten zu, seine „Pointe“ besteht eben darin, daß alle entsprechenden Bedürfnisse bei ihm abgewürgt und sublimiert wurden. Sandra wird von den Protagonisten weniger als sexuell (oder gar menschlich) begehrenswertes Wesen angesehen, sondern als eine zu benutzende Ware: Nachtclubbesitzer, Modeschöpfer, Mädchenhändler und nicht zuletzt die Polizei versuchen sie für ihre Zwecke zu nutzen; dass dann auch Julien seine Hirngespinste über sie verwirklichen will, scheint da nur folgerichtig.

  7. Harald sagt:

    (Alan Napier murmelt leider:)

    Elephants (… unverständlich…) white arm,
    good luck token to guard her from harm
    (… unverständlich…)
    a beauty that only death can enhance.

    The loveliest one reveals the tiger’s lair,
    knowing not what strange love’s lurking there
    where shimmering stars –

    (Hier bricht Lucille Ball in meiner Fassung ab.)

    Hiezu fragt sich, ob „strange love“ zwingend homosexuell konnotiert sein muß… das tödliche Ende würde sich auch mit gemischtgeschlechtlicher Besetzung als ausreichend strange enthüllen.

  8. Stefan sagt:

    Stimmt. Dass es im Original „strange“ heißt, nimmt dem „fremden“ seine Doppeldeutigkeit und überführt es zum „fremdartigen“. Na, da muss ich mir dann etwas anderes überlegen.

    Danke schön!

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