Fritz-Haarmann-Gedicht

Beim Stöbern durch die Zeitschriftenabteilung der
Germanistik-Bibliothek habe ich heute die Jahrgangsbände der
Zeitschrift „Weltbühne“ gefunden. Darunter auch den 1931er-Band mit dem
Tergit-Arnheim-Disput über Fritz Langs „M“. In der 1924er Ausgabe habe
ich dann noch eine zeitgenössische Kritik zu Lenis
„Wachsfigurenkabinett“ entdeckt und zwei Seiten davor einen
Prozessbericht über den Fritz-Haarmann-Prozess, an den folgendes
Gedicht angehängt ist:

Der Richter

O, ich möchte nicht Richter sein,
Richter über zerstörte Seelen –
ihre Schatten noch würden mich quälen
in schlaffliehender Nächte Pein.

Wenn der Wahnsinn der Enge kreist
in ihren Hirnen, die dumpf sich zerschlagen,
müßt‘ ich das Joch ihrer Leiden tragen,
das in den Abgrund der Irre weist –

Und ich müßte mich schuldverwirrt
demuttief allem Schuldigen beugen,
müßte Schwäche und Unwert zeugen,
dumpfes Erraten, das immer irrt.

Rätselversunken bist Du und ich –
dunkles Geheimnis noch deutlichstes Bild.
Alles Erkannte der Seele Schild:
Bin ich Du – bist du ich?

(Margarete Liebmann)

In: Die Schaubühne, 20. Jg., 2. Halbjahr 1924, S. 870.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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