Organmetaphern in der Geistesgeschichte und Cronenbergs Scanners

Die Organisation des Denkens

1. Organ und Werkzeug

Parallel zur Intellektualisierung des Menschen in der Geschichte verläuft seine körperliche „Fragmentarisierung“. Sein Körper löst sich in Einzelteile auf – in Organe, die mit je eigenen Funktionen und Bauweisen beschrieben werden. Der Körper wird seit der Antike nicht mehr nur als Ganzes von den Göttern Gegebenes verstanden, sondern zusehends als ein Zusammen von funktionellen Einheiten.

Das Organ (organon = Werkzeug), das zunächst als rein biologistische Metapher etabliert wird, nämlich als Funktionseinheit, die im Körperganzen einen Teil bildet und zu größeren Einheiten (Atmungsorgane, Sinnesorgane, …) zusammengefasst wird, erfährt parallel zur Fragmentarisierung des Körpers auch eine Rückübertragung des Metaphorischen ins Konkrete. Der Werkzeuggedanke wird wieder wörtlich genommen. Nun aber nicht mehr auf die Körper-Organe begrenzt, sondern auf körperexterne Werkzeuge, die dem Menschen mehr und mehr zugerechnet werden.

Wiederum parallel dazu entsteht der Gedanke die konkretisierte Werkzeugmetapher zu abstrahieren – dem Werkzeug seinen „Zeug“-Charakter zu nehmen. Die Bedeutung wird schon bei Platon wieder „hinübergetragen“ und erstmals Sprache als ein Organ (eben: Werkzeug) gesehen.

2. Das intellektuelle Organ in der Philosophiegeschichte

Für Platon ist nicht nur die Seele ein Organ im körperlichen Sinne (Politeia, 6. Buch), sondern die Sprache ein Werkzeug im Organon-Sinn: „Also ist auch das Wort ein Werkzeug. […] Was machen wir, wenn wir benennen, mit dem Worte, da es ja auch ein Werkzeug ist? […] Teilen wir vielleicht einander etwas mit und zerteilen die Dinge je nach ihrer Art? […] Das Wort ist also ein mitteilendes und das Wesen zerteilendes Werkzeug […].“ (Kratylos)

Sprache, hier als noch konkret erfahrbares und zer- sowie mitteilendes Werkzeug. Aristoteles kritisiert die Totalität dieser Position: „Die Rede bedeutet zwar etwas, aber nicht wie ein Werkzeug, sondern, wie gesagt, vermöge Übereinkommens.“ (Organon/Kategorie/Hermeneutika/4. Buch) In seinem von der byzantinischen Philosophie als „Organon“ getauften logischen Werk wird die Logik selbst ein Werkzeug der Erkenntnis von Wahrheit. Aristoteles analogisiert mit seinem doppeldeutigen Organbegriff Natur und Kunst (Technik) – techne-siert damit aber auch die Organmetapher.

Francis Bacon lehnt sein Werk „Die große Erneuerung der Wissenschaften“ (Originaltitel: „Novum Organon“) in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an Aristoteles an. Für ihn ist das Organ des Denkens allerdings rein auf Erfahrungen angewiesen. Er begründet damit nicht nur den englischen Empirismus sondern gleich die empirischen Wissenschaften überhaupt und reformiert auf diese Weise die neuzeitlichen Naturwissenschaften.

Die Organmetapher hat aber noch für weitere Disziplinierung im Denken gesorgt: Ernst Kapp, Hegelianer, prägt 1877 in seinen „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ als erster eine Organmetapher als Erweiterung (Extension) des biologischen menschlichen Körpers. Kapp interpretiert alle körperexternen, künstlichen Werkzeuge als prinzipiell den menschlichen Organen gleichend und nachempfunden. Der Hammer ist für ihn „eine in das grob Stoffliche übertragene Faust“. Sein reflexives Organ-Werkzeug-Verständnis überträgt Kapp vom Kleinen (dem Menschen als Organ) auf das Große (dem Staat also Organismus): „Der Staat ist das allmählich ins Bewußtsein tretende Nachbild des leiblichen Organismus.“

Konjunktur feiert die Organisation des Denkens und der Welt erstmals in den 1930er Jahren. 1929 eröffnet Freud die medientheoretischen Implikationen der Metaphorik. In „Das Unbehagen in der Kultur“ schreibt er: „Der Mensch ist eine Art Prothesengott.“ Damit meint er, dass über die Jahrtausende eine Erweiterung des Körpers stattgefunden habe, die den Menschen mit scheinbar grenzenloser Macht über seine Umwelt ausgestattet hat: Vom Haus (als Ersatz für den sicheren Mutterleib) aus erfindet er Fahrzeuge und Motoren (die seine Bewegung beschleunigen und seine Muskelkraft verstärken), erweitert seine Sinne mit Kameras, Grammophonen, Telefonen und der Schrift (welche als Distanzmedium ein Ersatz für die Sprache des materiell Abwesenden wird).

1934 holt Karl Bühler mit seinem Organon-Modell der Kommunikation die Sprache zurück in den Raum der Organmetapher. Von Platon bis hin zu Wilhelm von Humboldt (nach ihm ist „die Sprache das Organ des inneren Seins, dies Sein selbst, wie es nach und nach zur inneren Erkenntnis und zur Äußerung gelangt“, schriebt er 1836 in seinem Hauptwerk „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“) ist Sprache als Werkzeug interpretiert worden. Bühler differenziert diesen Charakter: Er bezieht sich auf Platons Verständnis der Sprache als Organ und charakterisiert sie als Werkzeug „mittels deren einer dem andere etwas über die Dinge mitteilt.“ Was zunächst trivial klingt, wird in der Aufteilung der Sprache in drei Funktionen der sprachlichen Zeichen zu einem Novum: Symptom (Ausdrucksfunktion), Signal (Appellfunktion) und Symbol (Darstellungsfunktion). Dass das „Symptom“ eben die „Innerlichkeit des Senders ausdrückt“ (Bühler) unterstreicht nur den organischen Charakter der Sprache.

3. Medium und Netz

Marshall McLuhan war es, der Freuds Organ-Metapher der Medien aufgriff, weiter differenzierte und auf eine Medientheorie übertrug. Medien verstand er 1968 in „Understanding Media: The Extensions of Man“ als Ausweitung des Menschen. Wie Freud beschreibt er auch die Rückwirkung der neuen Organe auf den Organismus. Der Mensch wird durch die Verwendung seiner technischen Mittel physiologisch verändert. Er wird „zum Geschlechtsteil der Maschinenwelt“. Dies ist sicherlich auch so zu verstehen, dass der Mensch es letztlich ist, der durch die biologische Reproduktion die Fortentwicklung der Technologie sicherstellt.

Eine neue Qualität erhält die Organmetapher bei McLuhan in ihrer Anorganisierung. Einem neuen Medienbegriff folgend („Der Inhalt eines Mediums ist ein anderes Medium“) verändert sich das Verständnis von Medium: Vom Träger/materiellen Übermittler (Freud: Grammophon, Telefon, Kamera) wird nun die gespeicherte Information selbst zum Medium. Dazu zählt unter anderem auch die elektrische Ladung: Im Zeitalter der Elektrizität ist das elektrische Netz „naturgegebenes Modell des ZNS, erweitert und nach außen verlegt“, Meta-Medium insofern es „die verschiedenen Medien unserer Sinnesorganisation koordiniert.“ (McLuhan) Dieses erweiterte Verständnis von „Netz“ findet sich vor allem in seinem gesellschaftstheoretisch orientiertem Essay „War and Peace in the Global Village“ von 1968, in der er die Welt – vermittelt und verbunden durch das Fernsehen – kurzerhand zum „globalen Dorf“ erklärt, in der Raum und Zeit aufgelöst sind.

4. Der Organ als Medium: Scanners

Im Werk David Cronenbergs ist die Organmetapher omnipräsent. Wie Riepe schreibt, ist das „wörtlich nehmen von Metaphern“ ein Problem psychotischer Natur. Ich will mich diesem Verständnis nicht anschließen und es als genuin „filmisches Denken“ verstehen.

In Videodrome (1982) hatte sich bereits angedeutet, wie Cronenberg McLuhan liest. Er nimmt die Organmetapher des Landsmannes ganz wörtlich und seinem Protagonisten Max Renn verwächst eine Waffe mit der Hand („handgun“). Später gerät auch die andere Hand zur Waffe („hand grenate“). Infiziert mit dieser Wörtlichkeit hat ihn das Videodrome-Signal, das die Transgression des elektrischen Impulses in das körperliche Symptom leistet. Der Erfinder, Professor Brian O’Blivion, ist das erste Opfer seiner Erfindung geworden. Das Signal hat einen Gehirntumor bei ihm ausgelöst, den er jedoch anders verstanden wissen will: „I believe that the growth in my mead – this head – this one right here. I think that is not really a tumor […] but that it is in fact a new organ … a new part of the brain.“ Wie O’Blivion, der diese Mitteilung nur noch per Videoaufzeichnung (deshalb die Deixis „this head – this one right here“?) übermitteln kann, geht auch Max später vollständig im Medium auf, verschmilzt mit ihm: „I am the video word made flesh.“ Noch gegenständlicher lässt sich Sprache als Organ nicht mitteilen.

Der zwei Jahre zuvor entstandene Film Scanners ist Cronenbergs erster Kontakt mit der mediatisierten Organmetapher. Thema des Films ist die Telepathie. Ein schwieriges Thema, wie Cronenberg zugibt: „The problem with movies about telepathy has always been how to make it physical. And I do mean physical, since for me it’s never enough just to make something visual.“ Anders gesagt: „How to make the video word flesh?“

Filmisch gelingt diese Antwort in Scanners in der Tat nur recht unbefriedigend: Dass telepathischer Kontakt zwischen zwei Menschen besteht, ist zu hören an seltsamen Stimm-Geraune im Soundtrack und körperlichen Symptomen der Verbunden (vom starren Blick über Zittern bis hin zum epileptisch-konvulsivischem Zucken). Erst mit der optischen Illusion der „Auflösung von Raum und Zeit“ (McLuhan) gelingt es Cronenberg vom Affekt der Darstellerkörper zum Effekt im Film überzugehen.

In Scanners belässt er es vorerst beim diskursiven Annähern an das Phänomen der Telepathie, versieht es aber mit den medientheoretischen Implikationen McLuhans. Nicht nur gibt es ganz profan eine Scanner-Untergrund-Organ-isationen mit einem tyrannischen Oberscanner als Kopf (Daryll Revok, der in der Mehrzahl der Einstellungen des Films tatsächlich nur als Head-Shot zu sehen ist). Auch führt Scanners eine Reihe von Szenen vor, die die Netz-Gedanken McLuhans mehr oder weniger direkt abbilden.

Die Scanner bilden ein „unfreiwilliges Netzwerk“ mit den Menschen ihrer Umgebung. Auf sie dringen die Stimmen und Gedanken ihrer Umwelt ohne Filter ein. Sie sind krank, missgebildet, oder wie Wissenschaftler Ruth es definiert: „Scannen, das ist eine Störung der Synapsen, die man Telepathie nennt.“ Erst durch das Verabreichen der Droge Ephemerol (ephemer = flüchtig, nur einen Tag überlebend) verschwinden die Stimmen für kurze Zeit und der geplagte Scanner fühlt sich „kristallklar“ (Cameron Vale). Ganz so, als wären die arme die Antennen zum Empfang der telepathischen Gedankenwellen, wird die Ephemerol-Spritze stets in die Hand verabreicht. Erst nachdem der Scanner sie bekommen hat, kann er vom unkoordinierten Sende- und Empfangsgerät auf bestimmte Wellen eingestellt werden. Zwei Vorführungen, die zeigen, zu was der Scanner dann in der Lage ist, eröffnen den Film.

Doch, so Ruht, „Telepathie besteht nicht nur aus Gedankenlesen. Es ist die direkte Verbindung zweier Nervensysteme, die räumlich voneinander getrennt sind.“ Diese Definition ähnelt nicht grundlos dem Verständnis von Telekommunikation. In Scanners wird auf diese Weise nicht nur tele-kommuniziert sondern eben auch tele-pathologisiert: „Scanners – Their thoughts can kill! „, so die Werbezeile des Verleihers. In dem Moment, wo die Scanner durch das Ephemerol „kristallklar“ geworden sind, werden sie zur Waffe. Ruths Organisation „Consec“ versucht aller 237 Scanner habhaft zu werden, um eine Armee gegen den Wahnsinnigen Scanner Revok zu koordinieren. Revok selbst – Inhaber der Organisation „Bicarbone Amalgamate“ – ebenfalls eine als Chemiefirma getarnte Untergrundorganisation – versucht alle Scanner, die sich ihm nicht anschließen wollen, zu töten.

Als es zum finalen Konflikt zwischen Vale und Revok kommt, überschlagen sich die Ereignisse: Es kommt heraus, dass der Arzt Ruth Erfinder von Ephemerol ist, der dieses Mittel Schwangeren als Beruhigungsmittel verabreicht hat. Die Kinder wurden daraufhin mit einer telepatischen Missbildung geboren – der Scannerfähigkeit. Seine beiden Söhne haben diese Fähigkeit aufgrund der frühen Verabreichung von Ephemerol besonders stark ausbilden können: Cameron und Daryll.

Kurz vor dem Showdown wird Cronenberg mit seiner technologisierten Organmetapher konsequent. Vale will die Firma Daryll Revoks zerstören, die Unmengen Ephemerol produziert, um dies Schwangeren zu verabreichen und eine neue Scanner-Armee zu gründen. Da ihm der Zugang zum Gebäude verwährt ist, entschließt er sich Kontakt über das Distanzmedium Telefon aufzunehmen und den Computer zu scannen: „Sie haben ein Nervensystem, das einem Computer vergleichbar ist. Damit können Sie ihn scannen, den Computer, als ob er ein Mensch wäre“, gibt Ruth Vale mit auf den Weg. Cronenberg nimmt hier eine Verschaltung des Nerven- und Telefonnetzes vor – ein Internetz zwischen Mensch und Maschine. Die entseelte Maschine per se (der Computer, der in der Science Fiction unzählige Male zum seelenlosen Widersacher des Menschen geworden ist) wird von Cameron Vales Verstand überwältigt – im Wortsinne – und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Die Firma Revoks explodiert (und das Telefon, durch das Vale Kontakt aufgenommen hat, gleich mit).

Ich komme zum Kurzschluss: Dagegen nimmt sich der Showdown des Films fast wieder zurückhaltend aus: Die beiden Brüder stehen sich endlich gegenüber, scannen sich gegenseitig. Antipoden, die sie sind, kommt es zum Kurzschluss. Das „scanning“ versagt in dem Moment, wo es auf sich selbst angewendet wird. Das fleischgewordene Medium lässt sich nicht remedialisieren. Hat die Anfangssequenz das Ergebnis dieses Kurzschlusses schon als Explosion (eines Kopfes) vorgeführt, so zeigt das Ende des Films dies als Implosion (eines Körpers in einen anderen – der Verschmelzung der Brüder).

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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