Hysteriekonzepte in David Cronenbergs „The Brood“

Ich mache ja derzeit in Bonn eine Komplett-Retro zu Cronenberg (in der Uni) mit wechselnden Vorträgern.

Letzte
Woche haben wir „The Brood“ geguckt. Ich habe eine Einführung – gemäß
meiner Perspektive auf Cronenberg als „Film-Theoretiker“ gemacht, die
sich mit der Psychologie in „The Brood“ auseinandersetzt und zwar
genauer gesagt mit der Hysterie-Theorie Freunds und Cronenbergs.
Folgende Beobachtungen habe ich gemacht:

1. Die Probesitzung mit
der der Film beginnt, ist eine direkte Inversion zur von Freud
entwickelten psychoanalytischen Rede-Kur, denn a) schauen sich
Therapeut und Patient beim Gespräch direkt in die Augen (Freud betont
jedoch immer wieder, dass der Therapeut „ganz Ohr“ werden muss), b) ist
die Aufforderung „Sprich nicht! Zeig mir deine Wut!“ exakt das
Gegenteil der Therapie nach Freud, in der das Reden genau das Gegenteil
bewirken soll, nämlich Symptome verschwinden zu lassen. (Hinweis: Manfred Riepe
hat das auch entdeckt, legt es jedoch gegensätzlich aus. Er vermutet
hinter dem Therapie-Modell Raglans ein esotherisches Verfahren, wie es
auch in Sekten eingesetzt wird, dass den Körper über die Ratio stellen
soll.)

2. Das Interessante an der Symptombildung ist nun, dass
es sozusagen „rückwärts“ die Konversionstheorie Freuds belegt: Freud
vermutete, dass hysterische Patientinnen (die ja immer irgendwelche
Sprachstörungen, Schmerzen, Lähmungserscheinungen etc. ohne
körperlichen Befund zeigten) ein traumatische Erlebnis im Unbewussten
„abgelegt“ haben, dass man durch die Redekur freilegen könne. Das Reden
über das traumatische Erlebnis beseitigt dann die Symptome. Das hat –
wenn man Freuds Fallgeschichten zur Hysterie
glauben darf – auch immer funktioniert. „The Brood“ verfährt nun ganz
anders herum. Der Analytiker erteilt Redeverbot um körperliche Symptome
zu produzieren. Das funktioniert auch: In der öffentlichen
Therapiesitzung wachsen dem Patienten mit dem ausgeprägten
Kastrationskomplex* überall Pusteln, die mehr als einmal von der
Literatur als „Brustwarzen“ interpretiert wurden. Gemäß der
Übertragung**, die wir zu sehen bekommen, in der der Analytiker die
Rolle des drohenden Vaters einnimmt, der „seinen Sohn“ lieber als
Mädchen sähe (also mit Kastration bedroht), wäre diese Symptombildung
plausibel.

3. Metatheoretisch lassen sich auch einige Bezüge von
„The Brood“ zur Theorie der Hysterie herstellen. Auffällig sind die
Arten von Symptomen, die durch die „psychoplasmotische Therapie“
Raglans verursacht werden: a) Brustwarzenbildung, b) Lymphdrüsenkrebs,
c) eine externalisierte Gebärmutter. Diese Symptome lassen sich
„hysteriegeschichtlich“ gut zuordnen: a) die Hysterie-Theorie Freuds,
die auf – zumeiste – sexuellen Traumata basiert und die im Film den
Kastrationskomplex bebildert, b) Die Hysterie-Theorie von Fließ,
der vermutet hat, dass eine Verbindung zwischen dem Sexualapparat über
die verschiedenen Schleimhäute im Körper besteht (Wilhelm Fließ hat zur
Behandlung hysterischer Frauen öfter Nasenoperationen durchgeführt!):
Hier wäre das „Fluidum“, das Lymphsystem, dass bei der Figur in The
Brood erkrankt ist, ein passendes Gegenstück: Die Körpersäfte
revoltieren, nachdem Raglan einen psychischen Deffekt freigelegt hat.
Und in c) zeigt sich sogar besonders schön die eigentliche Bedeutung
von „Hysterie“ (hysteria = Gebärmutter): Die antike Medizin nahm an,
dass Hysterie dadurch entstünde, dass die Gebärmutter der Frau durch
deren ganzen Körper zu wandern begänne. Nun, in „The Brood“ tut sie
das: Sie wandert bis an die äußere Grenze von Nolas Körper, stülpt sich
aus – in Folge der psychoplasmatischen Behandlung.

*
Kastrationskomplex: Der Knabe fürchtet die Kastration als Realisierung
einer väterlichen Drohung und als Antwort auf seine sexuelle Aktivität;
daraus entsteht bei ihm eine heftige Kastrationsangst. (Laplanche/Pontalis)

**
Übertragung: Vorgang, wodurch die unbewussten Wünsche an bestimmten
Objekten im Rahmen eines bestimmten Beziehungstypus, der sich mit
diesen Objekten ergeben hat, aktualisiert werden. Dies ist in höchstem
Maße im Rahmen der analytischen Beziehung der Fall. (Laplanche/Pontalis)

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

Dieser Beitrag wurde unter Essay veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.