Abrahams Gold

29.11.03: Abrahams Gold (VHS)

„Der
radikalste Heimatfilm“ wird „Abrahams Gold“ im Verleihprogramm des
Filmverlag der Autoren genannt. Und in der Tat ist es ein intensives
Filmerlebnis gewesen:

In einem kleinen bayrischen Dorf lebt die
14-jährige Annamirl bei ihrem Großvater und hilft diesem in seiner
Gaststube. Eines Abends kommt später Besuch in die Gaststube: Annamirls
Mutter Bärbel, die sich wegen ihres recht lockeren Lebenswandels mit
dem Vater überworfen hat und nach der Geburt ihre Tochter und die
Heimat verlassen hat. Nun braucht sie Zuflucht und erpresst den Vater,
dass sie ihm als wahre Sorgeberechtigte das Mädchen jederzeit wegnehmen
könnte. Sie quartiert sich ein und baut eine Beziehung zu ihrer Tochter
auf, die so ganz anders ist als ihre Mutter: Fast schon mit
frühvergreister Spießigkeit begegnet das Mädchen dem Verhalten der
„schlamperten“ Mutter, die keinen Hehl aus ihrer Hippie-Anhängerschaft,
der freien Liebe und Unsesshaftigkeit macht. Nach und nach erfährt
Annamirl, dass dieso so „aus der Art geschlagene“ Mutter wohl aus
Protest gegenüber dem Vater so geworden ist: Dieser war nämlich
SS-Aufseher im Vernichtungslager Birkenau. Und während sich Mutter und
Tochter aneinander annähern, entfernt sich der Großvater zusammen mit
einem Freund in Richtung Polen, um einen in Auschwitz versteckten
Goldschatz zu bergen. Während seine damaligen SS-Kollegen nämlich „zu
viel Arbeit mit den Juden“ hatten, hatte er es geschafft, mehrere
hundert Goldzähne aus dem Krematorium zu schmuggeln. Die sollen ihm
jetzt den Lebensabend vergolden. Was der Großvater nicht weiß: Sein
Begleiter ist als Kind der Gestapo entkommen und bei einer Deutschen
Familie versteckt worden. Das weiß dieser selbst nicht; erst als er
nach der Heimkehr seiner vermeintlichen Mutter aus seinem Anteil der
Goldzähnen eine Halskette schmieden lassen will, öffnet sie ihm die
Augen. Es komtm wie es kommen muss: Der Großvater Annamirls wird
öffentlich als Nazi denunziert, worüber man lieber Stillschweigen hätte
bewahren wollen. Als Annamirl davon erfährt, erhängt sie sich …

Wie
sich aus der Zusammenfassung entnehmen lässt, ist die Erzählung von
„Abrahams Gold“ dicht gewoben. Alles steuert schon fast zwangsläufig
auf die Katastrophe zu. Der Film, der Ende der 80er Jahre entstand,
schlägt dabei in die selbe Kerbe wie Michael Verhoevens „Das
schreckliche Mädchen“: Im tiefsten Bayern, in dem lt. Autor(en) der
Patriotismus noch groß geschrieben wird (das Wort „Nestbeschmutzer“
fällt in beiden Filmen mehr als einmal), entwickelt sich aus der
NS-Vergangenheit einiger Bewohner ein handfestes Drama. Abrahams Gold
übertreibt jedoch bei allem politischen Anspruch etwas, wenn der Film
den Großvater als paranoiden Judenhasser schildert, der seine
Großtochter gegen den „Jud“ (seinen ehemaligen Freund, der sich nach
der Selbsterkenntnis angewidert von ihm abwendet) aufwiegelt und sie
zur Polizei schickt, damit sie ihn wegen Missbrauchs anzeigt.
Sicherlich: Dieser dramaturgische Umschlag schien notwendig zu sein, um
das Kind in den Suizid zu treiben; doch bedurfte es seiner kaum, um
latente faschistische Strukturen offen zu legen.

Allerdings
verhilft dieser Plottwist zum Ende des Films zu einer unglaublichen
Szene: Der alte Nazi sucht seine Großtochter Annamirl und findet sie
schließlich erhängt auf dem Dachboden. In seiner kompletten paranoiden
Verblendung stellt er sich vor das tote Kind, spuckt es an und sagt:
„Damals hätte man so einer Verräterin wie dir ein Schild um den Hals
gehangen: Judenfotze!“. Das geht dem Zuschauer in die Knochen …

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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