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Film, Zuschauer und Zensur im Simulationsraum der Gewalt

Am so genannten “rape and revenge”-Film zeigen sich Affekte am Zuschauer und Effekte bei der Filmzensur recht deutlich: Die durch die inszenierte Vergewaltigung aufgebauten “Rachegelüste” im Rezipienten dienen als dramaturgische Rechtfertigung der dargestellten Selbstjustiz der Protagonisten. An dieser narrativen Kausalität zeigt sich die Crux zensorischer Eingriffe besonders deutlich, denn mit der Entfernung der Vergewaltigungsszene(n) steht die inszenierte Rache grundlos in der Erzählung, mit der Entfernung der Selbstjustiz-Szene(n) bleibt die Vergewaltigung ungesühnt und mit der Entfernung beider Szenen verliert der Film seinen “Grund”.

Anhand von Filmbeispielen (Clockwork Orange, I spit on your grave, Ted Bundy) soll einerseits die auf somatischen Effekten basierende dialogische Struktur zwischen Film und Rezipient als ein “Anlass zur moralischen Reflexion” beschrieben werden. Andererseits soll an ihnen das Problem zensorischer Eingriffe, die eben solche moralischen Reflexionen unterlaufen, nachgezeichnet werden. En passent wird dabei eine narrative Genealogie des modernen “rape & revenge”-Films vorgeschlagen: ausgehend von der skopophilen, quasi-pronografischen Inszenierung von Vergewaltigung (Clockwork Orange) über Beiträge, die (augenscheinlich) allein auf den Rache-Feldzug des Opfers zulaufen (I spit on your grave) bis hin zu Filmen, die das Vergewaltigung-Rache-Motiv als moralisches Problem filmisch dekodieren (Ted Bundy).

Methodischer Kern ist dabei die Annahme eines Simulationsraumes, in dem sich alle drei Diskursteilnehmer (Künstler, Rezipient, Zensor) bewegen und der von einer stimulus-response-Wirkung von Gewaltinszenierung ausgeht (unbeachtet “tatsächlicher” Wirkungsmechanismen der Filmrezeption), die sich augenscheinlich an den authentischen Darstellungen kondensiert.

Der Vortrag soll für ein Medienverständnis von Medialog stehen, bei dem Gewaltdarstellungen als Anlass zur Auseinandersetzung mit deren narrativen Gründen und ästhetischen Modi dienen. Gleichzeitig soll ein zwar kritischer Blick auf die Zensurpraxis solcher Darstellungen geliefert werden, aber die Zensur letztlich als ein lediglich gleichwertiger Teilnehmer dieses Diskurses “enttarnt” werden, der sich in Zeiten totaler Verfügbarkeit solcher Medieninhalte auf keine vernunftbegründete Moral mehr zurückziehen kann, sondern sein Augenmerk von der Restriktion auf die Diskussion solcher Inhalte richten muss, um glaubwürdig (und wirksam) zu bleiben. Im Rahmen einer filmpädagogischen Ausbildung muss der rationale Umgang mit diesen de facto unvermeidbaren weil “unverbietbaren” Inhalten vermittelt werden.

Dauer des Vortrags: 60 Minuten (mit Filmausschnitten). Danach: Diskussion
Der Vortrag wird in der Reihe “Ästhetische Erziehung im Medienzeitalter II ” des kunstpädgogischen Instituts der Universität unter der Leitung von Prof. Winfried Pauleit gehalten. Er erscheint als Vorabpublikation in der Zeitschrift “Ästhetik und Kommunikation”

Ort: Kino 46 – Kommunalkino Bremen e.V., Waller Heerstrasse 46, 28215 Bremen
Telefon (0421) 3876731, Anfahrtbeschreibung

Datum: Freitag, 08. Juli 2004 um 18 Uhr

Weitere Informationen: Kino 46-Homepage & Prof. Winfried Pauleit