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Sex, Blood, and Rock’n’Roll

Als 1963 der amerikanische Exploitationfilmer Herschell Gordon Lewis den allerersten Gorefilm Blood Feast drehte, änderte sich das Gesicht des Horrorfilms. Jetzt hat das Berliner DVD-Label „cmv“ eine Auswahl seiner Filme erstmals auf den deutschen Markt gebracht – und selbst 41 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Blood Feast scheint der Film die Gemüter noch immer maßlos zu erregen.

„Haben Sie jemals einer wirklichen Menschenschlachtung beigewohnt?“, fragt Zauberer Montag in Herschell Gordon Lewis’ Film Wizard of Gore (1970) sein Publkum. Das hat es nicht und deshalb führt er sie ihm vor. „Live, in Farbe und aus nächster Nähe“ werden von Show zu Show junge Frauen auf kreativste Art und Weise zu Tode gebracht. Die Darstellung eskaliert jedes Mal in einer Orgie aus Blut und Eingeweiden. Hier wird die Grundidee des Gorefilmes mitinszeniert.

Doch die Geschichte des Gorefilms beginnt bereits sieben Jahre vor Wizard of Gore. Ursprünglich sei es ein Experiment gewesen, erinnert sich der heute 77-jährige Lewis an die Idee, Blood Feast zu drehen: „Ich hatte einen alten Film gesehen, in dem die Polizei einen Gängster erschossen hat, der dann friedlich, mit geschlossenen Augen starb. Diese Szene und ein Buch über die Geschichte des Grand Guignol-Theaters in Paris haben einen Schalter bei mir im Kopf umgelegt.“ Lewis, der mit seinem Freund und Produzenten David F. Friedman bis dahin ausschließlich Sexploitationfilme gedreht hatte, begab sich nun auf ein neues Terrain. Als studierter Marketing-Experte wollte er die selbst geöffnete Marktlücke schließen und gleichzeitig die überkommene, saubere und unrealistische Gewaltdarstellung des alten Kinos überwinden.

Heraus kamen zwölf Gorefilme, die Lewis zwischen 1963 und 1972 veröffentlichte. Er deklinierte seine Idee dabei durch etliche bekannte Sujets. Neben den Serienmörderfilmen Blood Feast, The Gruesome Twosome (1967) und Gore Gore Girls (1972) entstand der Vampirfilm A Taste of Blood (1967), der Redneck-Film Two Thousand Maniacs! (1964), der Psychothriller Something Weird (1968), das Kunst-Blut-Drama Color me Blood Red (1965) und der Gang-Film She-Devils on Wheels (1968). Gemein ist allen die optisch herausragende Darstellung von Gewalt, die Lewis, der neben der Regie oft auch für die Spezial-Effekte zuständig war, von Jahr zu Jahr verbesserte. Nach Gore Gore Girls wandte er sich vom Filmgeschäft ab: „Diese Art Independent-Filme hatten keine Zukunft, weil die Major-Studios schließlich begannen, die Idee mit viel größerem Budget in eigene Produktionen zu übernehmen“, erinnert sich Lewis.

Doch was er in der kurzen Zeit seines filmischen Schaffens erreichte, würden andere Regisseure sicherlich als Karriereziel sehen: Durch die Annäherung des Zuschauerblicks an die Wunde, in Groß- und Detailaufnahme und Farbe erreichte er ein bis dahin nicht gekanntes Potenzial an visuellen Schocks – und revolutionierte ein Genre. Lewis hat zwar immer wieder betont, dass es ihm mehr um die fiskalischen Werte ging, die sich nach seinen extrem günstig produzierten Filme auch bald einstellten; doch der Gorefilm ist rückblickend betrachtet zu einem Paradigma des modernen Horrorfilms geworden, das fest in der kunsthistorischen Tradition der Beschreibung und Darstellung des zergliederten Körper steht: Von der Antike (Homers Odyssee) über die Folterdarstellung auf mittelalterlichen Holzschnitten, die Anatomie-Bilder Rembrandts, die Orgien des Wiener Aktionisten Hermann Nitsch bis hin zur Ausstellung toter, geöffneter Leiber in den „Körperwelten“.

Lewis’ Gorefilme entstanden zu einer Zeit, die in den USA durch höchste Unsicherheit bestimmt war: Die Kuba-Krise strebte ihrem Höhepunkt entgegen, der Vietnamkrieg deutete sich bereits durch das verstärkte Engagement in Indochina an und wenn man 1963 das Radio einschaltete, konnte man schon einmal von der Meldung überrascht werden, dass der Präsident (Kennedy) auf offener Straße erschossen wurde. Ganz ähnliche Schreckensnachrichten geistern auch durch den Radioäther in Blood Feast. Der Horror des Alltags suchte und fand seine Entsprechung in einer Filmkunst des Schreckens, deren wahnsinnige Serienmörder und marodierende Jugendbanden Metaphern für die allgegenwärtige staatliche, kriegerische und strukturelle Gewalt waren. Aus dieser Perspektive können die frühe Gorefilme heute als eine Art „mentalitätsgeschichtliche Fundstücke“ gewertet werden, die uns einen Zugang in jene zurückliegenden Jahrzehnte ermöglichen, wie ihn Geschichtsbücher kaum vermitteln können.

Dass Lewis sich der Tragweite und Bedeutung seiner Filme nicht bewusst gewesen ist, verwundert gerade angesichts sehr reflektierter Erzählungen wie in Wizard of Gore oder Color me Blood Red. Beide Filme nehmen sich der Frage des Kunstschaffens als Form der Illusionserzeugung an. Und bei beiden ist es Blut, das die besondere Nähe des Künstlers zu seinem Publikum ermöglicht. Erst als der Maler Adam Sorg in Color Me Blood Red Blut als Farbe für seine Gemälde verwendet, finden seine Bilder die Aufmerksamkeit der Kritiker und Zuschauer. Und erst als Zauberer Montag in Wizard of Gore auf der Bühne vor den Zuschaueraugen Freiwillige aus dem Publikum zersägt, zerquetscht, erdolcht und ausweidet, wandelt sich die Stimmung im Publikum von Skepsis zu Begeisterung. Doch beide Künstler arbeiten gar nicht mit Tricks, sondern mit echtem Blut: Die freiwilligen Helfer der Zaubershow sterben einige Zeit nach der Vorführung unversehens an jenen Verletzungen, die Montag ihnen (nicht) zugefügt hat. Und Maler Sorg hat schon bald nicht mehr genug eigenes Blut, um seine großangelegten Malprojekte zu bewältigen. Der Affekt der Zuschauer im Film und vor dem Film ist damit stets derselbe. Die Authentizität der Bilder wird unterstrichen durch Verdopplung dieser Zuschauersituation.

Heute wirken die Blut-Bilder des Herschell Gordon Lewis immer noch. Und gerade das Medium DVD, das viele alte Filme in restaurierten Fassungen und mit wertvollem Zusatzmaterial (in der Lewis-Collection sind das vor allem Off-Kommentare, Bildergalerien und Filmvorschauen) präsentiert, hilft, das Archiv auch des verfemten Teils der Filmgeschichte zu konservieren. Unter dieser Perspektive kann die Arbeit des Labels cmv gar nicht hoch genug geschätzt werden. Lewis selbst hat sich inzwischen wieder dem Filmen zugewand: „Es ist wie Malaria. Das wird man nie los“, scherzt er. Vor kurzem ist sein parodistisches und an „Gorigkeit“ die Vorgängerfilme wieder einmal übertreffendes Sequel Blood Feast 2 – All U can Eat (2002) erschienen. Indes wurde sein Erstling im Januar dieses Jahres von einem deutschen Gericht wegen „Gewaltverherrlichungverboten. Wie eindrücklicher könnten sich die Effektivität und Affektivität des Gorefilms unter Beweis stellen lassen?

Stefan Höltgen

Zuerst erschienen in: epd Film, 07/2004, S. 10.